Kurz vor der Parlamentswahl in Israel am 27. Oktober fluten künstlich erzeugte Videos den Wahlkampf im Netz wie nie zuvor. Das Projekt „Ze Be AI“ der Open University in Israel hat rund 48.600 wahlbezogene Posts dokumentiert, von denen fast 15 Prozent KI-generierte Inhalte enthalten, wie taz.de berichtet. Es ist der erste israelische Wahlkampf, in dem die Technologie eine sichtbare Rolle spielt.
Am auffälligsten tritt Premierminister Benjamin Netanjahu in Erscheinung. Unter dem Titel „die Masken abnehmen“ veröffentlichte er ein Video, das seine Konkurrenten Yair Lapid und Naftali Bennett zeigt. Die beiden ziehen sich Masken vom Gesicht, darunter erscheinen die arabisch-israelischen Politiker Mansour Abbas und Ahmad Tibi. Die Botschaft ist unverkennbar: Eine Stimme für die Mitte-rechts-Partei B'Yachad bedeute eine Koalition mit arabischen Parteien und den linken Demokraten. Wer das nicht wolle, müsse Likud wählen.
Wie die Fakes funktionieren
Das Netanjahu-Video ist selbst für ungeübte Augen als Fälschung erkennbar. Andere Inhalte sind schwerer zu durchschauen. Ein vermeintliches Foto zeigt Lapid und Bennett Hand in Hand mit den Anführern arabischer Parteien. Das Bild wurde bearbeitet, auf dem Original stehen zwei andere Männer an ihrer Stelle.
Tehilla Shwartz Altshuler, Senior Fellow am Israel Democracy Institute, spricht von „Deepfakes“ und „Slopaganda“, einer Wortschöpfung aus Slop und Propaganda. Den Zweck der KI-generierten Wahlkampfinhalte benennt sie klar:
„Polarisierung fördern, Konkurrenten verleumden, Desinformation verbreiten.“
Schon im Januar hatte sie in einem Blogbeitrag für die Times of Israel gewarnt, die Nutzung von KI im Wahlkampf werde die Demokratie des Landes auf die Probe stellen. Le Monde bestätigt diese Entwicklung: Zehn Tage vor dem Urnengang setzen nahezu alle antretenden Parteien auf manipulierte Videos, in denen ihre Gegner lächerlich gemacht werden. Nie zuvor wurde künstliche Intelligenz in der israelischen Politik in diesem Umfang eingesetzt.
Wahlkommission reagiert mit Kennzeichnungspflicht
Israels Wahlkommission hat auf das Problem reagiert und im Juli Regeln erlassen. KI-generierte oder mithilfe von KI manipulierte Inhalte müssen seither als solche gekennzeichnet werden. Die sephardisch-ultraorthodoxe Shas-Partei hält sich daran, wenn auch in minimalem Format: Ein kleines schwarzes Feld mit den Buchstaben „KI“ genügt der Vorgabe.
In einem der Shas-Videos ist ein kleiner Junge zu sehen, dem im Kindergarten statt eines „Frohes Hanukkah“ ein „Hannu-Christmas“ gewünscht wird, ein Mix aus dem jüdischen Lichterfest und dem christlichen Weihnachten. Die Botschaft der Partei lautet: „Ein Staat wie alle anderen oder ein jüdischer Staat. Ihr entscheidet.“ Ob eine solche Szene je stattgefunden hat, ist zweifelhaft. Es geht nicht um Wahrheit, sondern, wie Shwartz Altshuler schreibt, darum, mithilfe von KI „eine alternative Realität zu schaffen“.
Automatisierte Überwachung im Dienste Netanjahus
Die Videos sind nicht das einzige Problem. KI senkt zudem die Kosten für Arbeitskraft, die in einem von Menschen geführten Wahlkampf deutlich teurer wäre. Das illustriert ein Skandal um den Netanjahu-Berater Jonathan Urich. Er ist keine unbekannte Figur: Im Qatargate-Skandal um den Einfluss Katars auf Netanjahu ist er derzeit Gegenstand von Ermittlungen und gab kürzlich zu, auch nach dem Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 weiter mit Katar gearbeitet zu haben.
Netanjahu hält gleichwohl an Urich fest. Ein Projekt unter dessen Beteiligung wird von der Jerusalem Post so beschrieben: Alle 90 Sekunden durchsucht ein KI-gestütztes Programm rund 50 Nachrichtenquellen nach Erwähnungen von Netanjahu, seiner Frau Sara, der Likud-Partei und deren Gegnern. Findet das Programm Relevantes, schickt es eine Zusammenfassung in eine von zwei WhatsApp-Gruppen. Dank KI läuft das Programm quasi nebenher.
Wenn Desinformation in ChatGPT einsickert
Die Beeinflussung endet nicht bei den Wählerinnen und Wählern, sie richtet sich auch an die KI selbst. Eine Studie der Israel Internet Association zeigt, dass 88 Prozent der Befragten grundsätzlich ChatGPT nutzen und ein Viertel erwägt, die Wahlentscheidung mithilfe von KI-Programmen zu treffen. Das Luxemburger Wort berichtet, dass Netanjahu Anbieter wie ChatGPT gezielt beeinflussen will.
Die Regierung hat dazu laut dem Portal Axios bereits mehrere Millionen US-Dollar investiert. Die Methode: Webseiten scheinbar unabhängiger Institute werden aufgesetzt, die Analysen und Kommentare im Sinne der Auftraggeber publizieren. Programme wie ChatGPT greifen diese Inhalte auf und beziehen sie in ihren sogenannten Denkprozess ein. Ob es ähnliche Initiativen gezielt vor der Wahl gibt, ist unklar.
Netanjahu braucht die KI nicht für seine Kernbotschaft
Die KI ist am Ende nur ein Rad in einer gut geölten Wahlkampfmaschine. Netanjahu postet auf seinem X-Account regelmäßig Videos, die betonen, die Oppositionsparteien wollten mit arabischen Parteien zusammenarbeiten. Für diese Kernbotschaft braucht er keine künstliche Intelligenz; die Fakes verstärken lediglich, was ohnehin täglich verbreitet wird. Die Tagesschau berichtet, dass auch das Lager des Ex-Generals Eisenkot, der Netanjahu in Umfragen schlagen könnte, Ziel KI-generierter Angriffsspots ist. Darin wird Eisenkot Schwäche unterstellt und die heimliche Planung eines palästinensischen Staates vorgeworfen, Vorwürfe, die er als Verleumdung zurückweist.
Für die Demokratieforschung bleibt die zentrale Frage, ob Kennzeichnungspflichten genügen. Fachleute in Israel halten die Vorschriften für unzureichend, wie Berichte aus dem Land nahelegen. Der 27. Oktober wird zeigen, wie stark die alternative Realität gewirkt hat.
Häufige Fragen zum KI-Wahlkampf in Israel
Welchen Anteil haben KI-Inhalte im israelischen Wahlkampf?
Fast 15 Prozent der rund 48.600 dokumentierten wahlbezogenen Posts enthalten KI-generierte Inhalte, wie das Projekt „Ze Be AI“ der Open University in Israel erfasst hat.
Welche Regeln gelten für KI-Inhalte in Israel?
Die israelische Wahlkommission hat im Juli 2026 festgelegt, dass KI-generierte oder manipulierte Inhalte als solche gekennzeichnet werden müssen.
Wann findet die Parlamentswahl in Israel statt?
Die Wahl ist für den 27. Oktober 2026 angesetzt, wie unter anderem Le Monde berichtet.
