Bündnis für Demokratie in Wangen gegründet: Ein Zeichen gegen Rechtsruck
In Wangen im Allgäu hat sich ein neues überparteiliches Bündnis für Demokratie und Menschenrechte formiert. Knapp 100 Bürgerinnen und Bürger kamen zur Gründungsversammlung am Vorabend des Tages der Deutschen Einheit. Initiiert wurde das Bündnis von Klaus Schuster und Rolf Maier, die darin auf wachsende gesellschaftliche Spannungen und antidemokratische Tendenzen reagieren.
Die beiden Initiatoren, ein Rentner und ein Religionslehrer am Beruflichen Schulzentrum Wangen, hatten sich erst vor einem halben Jahr kennengelernt. Bei einer Veranstaltung des Jugendgemeinderates entstand die Idee zu dem Bündnis. Schuster, der zuvor bereits in Memmingen aktiv war, beschreibt eine zunehmende politische Verunsicherung in der Bevölkerung. Klimawandel, Migration, die Folgen der Pandemie und das Erstarken politischer Ränder hätten viele Menschen überfordert.
Warum ist ein neues Bündnis in Wangen notwendig?
Die Gründungsversammlung war bewusst am Vorabend des Tags der Deutschen Einheit angesetzt worden. Rolf Maier betonte in seiner Einführung, das Bündnis solle ein Zeichen der Hoffnung sein. Er verwies auf Vorfälle in den Ortschaften Itzlings und Karsee, wo antidemokratische Strömungen und Verschwörungserzählungen sichtbar geworden seien. Nach diesen Ereignissen könne man nicht mehr neutral bleiben, so Maier.
Die Organisatoren kritisieren, dass Fakten zunehmend ignoriert und durch Fake News ersetzt würden. Migranten, behinderte und queere Menschen würden pauschal zur Bedrohung erklärt. Extremistische Gruppierungen mit scheinbar einfachen Lösungen erstarkten, Grundrechte würden relativiert. Das Bündnis will dem etwas entgegensetzen: Aufklärung, Zivilcourage und eine aktive demokratische Kultur.
Welche konkreten Erfahrungen haben die Beteiligten gemacht?
Patrick Drumm vom Dorfbündnis Karsee Mitte berichtete von Anfeindungen nach einer örtlichen Veranstaltung. In sozialen Medien wurden den Organisatoren unter anderem Volksverhetzung vorgeworfen, auch privat wurden sie verbal angegriffen. Dennoch gelte die Maxime, mit fast jedem zu sprechen. Er zog einen historischen Vergleich: Man sei näher an 1933 dran, als vielen lieb sei. Jetzt habe man die Chance, alles dafür zu tun, dass sich Geschichte nicht wiederhole.
Ela-Merve Akgül, Sozialpädagogin der mobilen Jugendarbeit in Wangen, stellte fest, dass der gesellschaftliche Ton rauer werde. Sie kritisierte zugleich eine unzureichende Finanzierung präventiver Arbeit etwa gegen Kinderarmut und Obdachlosigkeit. Demokratie zeige sich auch darin, wie man mit denjenigen umgehe, die man am wenigsten höre.
Welche Rolle spielen das Grundgesetz und die Erinnerungskultur?
Christoph Morlok, Fotograf und Vorsitzender der Leistungsgemeinschaft Handel und Gewerbe, hob die Bedeutung des Grundgesetzes hervor. Sein Vater sei während des Dritten Reichs zur Elite ausgebildet worden, habe aber eine Wandlung vollzogen. Besuche in Auschwitz-Birkenau hätten ihn tief geprägt. Das Vermächtnis seines Vaters sei, dass Naziterror sich nicht wiederholen dürfe. Diese Lehre der Vergangenheit dürfe nicht in Vergessenheit geraten.
In einem Grußwort von Pfarrerin Elisabeth Jooß, verlesen von Tilman Schauwecker, hieß es, Demokratie lebe nicht von selbst. Sie brauche Menschen, die Verantwortung übernehmen und sich für das Gemeinwohl einsetzen. Jeder Mensch zähle, jede Stimme müsse gehört werden. Zugleich plädierte Jooß dafür, sich auch von Menschen mit anderen Meinungen ansprechen zu lassen: Wer nur noch sende, aber nicht mehr höre, verliere die Grundlage jeder demokratischen Kultur.
Wie geht es mit dem Bündnis weiter?
Zum Abschluss der Versammlung wurden Artikel des Grundgesetzes verlesen und die Charta der Menschenrechte der Vereinten Nationen eingeblendet. Nun soll eine Bündnisordnung erarbeitet werden, an der sich möglichst viele beteiligen sollen. Der nächste Treffpunkt ist am 22. Oktober um 19 Uhr im Begegnungsraum an der Bindstraße 37. Weitere Informationen gibt es unter www.demokratie-wangen.de.
Die musikalische Umrahmung des Abends übernahm das Posaunenensemble der Jugendmusikschule.