SPD-Vorsitz: Wer traut sich in den Abgrund?
Die Unzufriedenheit mit der Doppelspitze aus Bärbel Bas und Lars Klingbeil ist in der SPD unübersehbar. Interne Briefe fordern den Rücktritt, doch niemand eilt zur Verteidigung. Die Personalunion aus Parteivorsitz und Ministeramt gilt weithin als gescheitert, die Strategie, die Partei aus der Regierung heraus zu profilieren, ist erkennbar gescheitert. Statt sozialdemokratischer Reformen winkt die Partei eine Sozialkürzung nach der anderen durch. Eine offene Debatte vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern gilt als Selbstdemontage, doch nach dem 20. September wird der Unmut nicht mehr zu ignorieren sein.
Die Frage ist nur: Wer soll es richten? Der Posten des Parteivorsitzes ist derzeit kein Karrieresprungbrett, sondern eher ein Abrisskommando. Die taz hat dennoch einige Kandidatinnen und Kandidaten identifiziert, die das Potenzial hätten, die Führung zu übernehmen. Wir stellen die aussichtsreichsten vor.
Hubertus Heil: Die sozialdemokratische Jukebox
Hubertus Heil sitzt seit 1998 im Bundestag und zählt zu den erfahrensten Genossen. Der langjährige Arbeits- und Sozialminister galt in der Ampel als Stabilitätsanker, wurde aber 2025 von Bärbel Bas abgelöst und ist seither nur noch Hinterbänkler. Mit 54 Jahren ist er für den Ruhestand zu jung. Er kennt die Partei durch und durch, war Generalsekretär und Vizevorsitzender. Parteintern gilt er als „fleischgewordene sozialdemokratische Jukebox“, weil er auf Knopfdruck die alten Hits der Sozialdemokratie abspielen kann. Aus seinem Umfeld fällt sein Name häufiger, auch wenn er sich selbst nicht ins Spiel bringen würde.
Manuela Schwesig: Die Hoffnungsträgerin
Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, hat alle Krisen ihrer Amtszeit überstanden: die Klimastiftung mit russischen Gazprom-Geldern, eine Krebserkrankung, und nun die Verteidigung der Staatskanzlei gegen den Bundestrend. In Umfragen holt ihre SPD Punkt um Punkt auf. Einziger Wermutstropfen: Sie hat erklärt, die nächsten fünf Jahre in Schwerin bleiben zu wollen. Doch als Mitglied des SPD-Präsidiums könnte sie die Bundespartei auch von dort führen. Schwesig hat Angebote für den Vorsitz schon mehrfach abgelehnt, vielleicht wartet sie auf den richtigen Moment.
Anke Rehlinger: Die goldene Lösung?
Anke Rehlinger erzielte 2022 im Saarland eine absolute Mehrheit für die SPD und gilt als Hoffnungsträgerin. Sie beteuert, Ministerpräsidentin bleiben zu wollen, doch ihr Erfolgsrezept liegt in der Kombination aus lokaler Verankerung und Berliner Gehör. Ihr Ratschlag an die Partei: „Meiner SPD rate ich, über Probleme nicht hinwegzusehen, wenn Bürgerinnen und Bürger sie doch sehen.“ Im April stehen im Saarland Landtagswahlen an, ein Wechsel nach Berlin könnte ihr helfen, die miesen Bundeswerte nicht durchschlagen zu lassen.
Boris Pistorius: Der Umfragenkönig
Verteidigungsminister Boris Pistorius ist seit Jahren der beliebteste Politiker des Landes. Doch als SPD-Vorsitzender stünde er vor demselben Dilemma wie Klingbeil und Bas: Er müsste eine Regierungspolitik verteidigen, die weite Teile der Partei ablehnen. Zudem ist die Liste der ungelösten Probleme in seinem Haus lang, etwa bei der Digitalisierung der Bundeswehr. Die Befürchtung: Pistorius wirkt dank Milliardenbudget und Charisma wie ein Macher, könnte aber schnell entzaubert sein.
Alexander Schweitzer: Der Überragende
Alexander Schweitzer verlor die Landtagswahl in Rheinland-Pfalz, obwohl er beliebter war als sein Herausforderer. Nach der Niederlage schmollte er eineinhalb Stunden, ließ sich dann aber zum Fraktionsvorsitzenden wählen. Mit über zwei Metern Körpergröße ist er eine überragende Persönlichkeit, bereits stellvertretender Parteivorsitzender und kennt den Berliner Betrieb. Er könnte Buße tun für seinen Anteil an der Misere.
Rasha Nasr: Die Erneuerin
Die 34-jährige Dresdnerin Rasha Nasr könnte der SPD ein Gesicht für personelle und inhaltliche Erneuerung geben. Die migrationspolitische Sprecherin stimmte gegen ihre Prinzipien für die Aussetzung des Familiennachzugs und bereut das heute. „Ich weine, wenn ich meine Tochter ein paar Tage nicht sehe, und stimme dann dafür, dass andere Familien getrennt bleiben“, sagte sie dem Spiegel. Mit einem offenen Nein zu Sozialkürzungen könnte sie in der Partei für Aufatmen sorgen.
Till Backhaus: Der Walflüsterer
Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus wurde durch die Rettung der Walkuh Timmy zum Medienliebling. Seit 1994 holt er bei jeder Wahl das Direktmandat, seit fast drei Jahrzehnten ist er Minister. Mit Jagdschein und großem Unterhaltungswert. Seine Auseinandersetzungen, etwa ein Rosenkrieg mit seiner Ex-Partnerin oder ein Verfahren wegen Körperverletzung, wurden 2013 eingestellt. Ein Koalitionsausschuss mit Friedrich Merz und Markus Söder könnte konfrontativ werden.
Keir Starmer: Das Putzmittel der Sozialdemokratie
Der ehemalige britische Premierminister Keir Starmer führte Labour von unter 30 Prozent auf über 50 Prozent und zur Zweidrittelmehrheit im Parlament. Als Regierungschef war er eine Fehlbesetzung, aber als Oppositionsführer hat er Maßstäbe gesetzt. „Starmer war das Putzmittel der britischen Sozialdemokratie“, schreibt die taz. Genau das, was die SPD heute braucht.
Jürgen Klopp: Der Machtmensch
Jürgen Klopp ist der mächtigste Mensch im deutschen Fußball. Er hat eine linke Grundhaltung, ist aber parteipolitisch unabhängig. Die Frage ist, ob der Retter des deutschen Fußballs auch der Retter der Sozialdemokratie sein könnte. Für die SPD wäre er ein Gewinn, umgekehrt sieht die Sache anders aus. Die SPD wird weitersuchen müssen, es heißt, Julian Nagelsmann ist gerade frei.
Serpil Midyatlı: Die Verfügbare
Serpil Midyatlı ist bereits stellvertretende Bundesvorsitzende und kann die höchste Zustimmung der fünf Vizes vorweisen, knapp 80 Prozent. Die Unternehmerin mit türkischen Wurzeln steht für Vielfalt und Integration. Würde sie Vorsitzende, wäre sie die erste Muslima in diesem Amt. Ende 2025 entzog ihr die SPD-Basis das Vertrauen, sie wäre also frei für eine neue Aufgabe. Ob sie den Abwärtstrend stoppen kann, ist fraglich, aber ihre Landes-SPD steht mit 15 Prozent noch gut da.
Saskia Esken: Die ewig Unterschätzte
Saskia Esken führte die SPD 2019 aus einer ähnlichen Krise und zum Wahlsieg 2021. Sie wurde nie geliebt, aber sie hielt die zerstrittene Partei zusammen. Ihre Ideen, wie das Sondervermögen für Infrastruktur, verkauft ihr ehemaliger Co-Vorsitzender heute als Knaller. Die gelernte Informatikerin erreicht mit ihren Beiträgen auf Instagram fast eine halbe Million Menschen. Eine Frau, die vorausdenkt und hart arbeitet, eher Bergarbeiterin als Heilsbringerin.