In Zollchow in der Uckermark pflücken Passanten wiederholt ungefragt Obst von einer privaten Streuobstwiese, obwohl das Grundstück durch einen Elektrozaun klar als Privateigentum gekennzeichnet ist. Das berichtet Nordkurier Online am 20. Oktober 2026 über den Fall der 56-jährigen Dorit Geßner.
Geßner hatte vor sechs Jahren zu ihrem runden Geburtstag auf ihrem Land am Ortsausgang von Zollchow mehr als 20 Obstbäume gepflanzt und damit eine Familientradition fortgesetzt, die ihr Urgroßvater Hugo Kühl begründet hatte. Die Setzlinge entwickelten sich gut, die Ernte sollte den Vorrat an Säften, Marmeladen und Lagerobst mehren. Doch Fußgänger und Radfahrer, die einen angrenzenden Wander- und Radweg nutzen, begannen, sich an den Früchten zu bedienen.
Elektrozaun hält Pflücker nicht ab
„Ich konnte es erst glauben, als ich es selbst gesehen hatte“, beschreibt Geßner die Vorfälle gegenüber dem Nordkurier. Obwohl ein Elektrozaun mit „ordentlich Wumms drauf“ das Gelände ersichtlich als Privatbesitz ausweist, rollen sich Menschen darunter durch und beginnen zu pflücken. Vor Ort zeigt die zweifache Mutter, wie beschwerlich der Zugang zur kleinen Plantage überhaupt ist. „Und trotzdem versuchen es immer wieder neue Leute“, sagt sie.
Aktuell hat ein übervoller Quittenbaum mit dicken, reifen Früchten die Begehrlichkeiten geweckt. Geßner hatte das Obst bereits als Gelee in Gläsern eingeplant. Ob sie mit dem kläglichen Rest noch mit dem Einwecken beginnt, ist ungewiss. „Ich habe die Nase gestrichen voll“, sagt sie.
Warum geht es nicht nur um Äpfel und Birnen?
Die gelernte Krankenschwester, die inzwischen als Fleischverkäuferin im Templiner Edeka arbeitet, betont, dass es ihr nicht um den materiellen Schaden geht. „Es geht mir hier nicht um die paar Äpfel, Birnen oder Pflaumen, sondern ums Prinzip“, sagt sie. „Man kann doch nicht einfach auf fremden Boden gehen und sich bedienen. Das macht man einfach nicht. Es ist eine Frage des Anstands.“
Im Dorf sei bekannt, wem die Bäume gehören. Es sei bereits gefragt worden, ob sie Obst abgebe, und die Antwort sei Ja gewesen. „Aber ungefragt pflücken? Pfui!“, so Geßner.
Der finanzielle Schaden sei bei ihr, anders als bei vielen Landwirten, bei denen sich Menschen auf Feldern bedienen, nicht vierstellig. „Aber ärgern tut es mich trotzdem“, sagt sie. „Vielleicht kann dieser kleine Appell im Artikel zum Nachdenken anregen und unsere Gesellschaft wieder ein wenig ehrlicher machen. Ich gebe die Hoffnung nicht auf.“
Unterstützung aus dem Dorf
Neben den Konflikten würdigt Geßner auch die Hilfe, die ihr Projekt erfährt. Fred Hartmann mäht regelmäßig den Rasen zwischen den Bäumen, Viola Paulsen kommt oft zum Bewässern vorbei, und Falk Antoni von der Baumpflege aus Angermünde wird demnächst wieder zum Beschneiden erwartet. „Ich hatte auch jede Menge Unterstützung“, sagt die Naturfreundin.
Der Fall wirft die Frage auf, wie verbreitet ungefragtes Pflücken tatsächlich ist. Die kleine Streuobstwiese in Zollchow zeigt, dass es nicht allein ein Problem großer landwirtschaftlicher Betriebe ist, bei denen Erntediebstähle teils Schäden in Höhe von Tausenden Euro verursachen. Auch kleine private Pflanzungen sind betroffen, wenn sie in der Nähe viel frequentierter Wege liegen.
Was sagt das Recht?
Geßner berichtet von einem klar erkennbaren Elektrozaun und einem ausgewiesenen Privatgrundstück. Dennoch verschaffen sich Menschen Zugang. Die Frage, wie Privatbesitz im ländlichen Raum geschützt wird, bleibt in solchen Fällen oft praktisch unbeantwortet, zumal es sich um geringe Sachwerte handelt, deren Verlust eine Anzeige selten lohnen scheint. Für Betroffene wie Geßner bleibt vor allem der Appell an den Anstand, den sie nun öffentlich macht.
Ob die Hoffnung der 56-Jährigen berechtigt ist, wird sich zeigen. Der Quittenbaum jedenfalls ist abgeerntet, und das Einwecken steht aus.
