Lenzing-Kapitalerhöhung: Großaktionär Suzano zögert, Anleger fordern Transparenz
Der österreichische Faserhersteller Lenzing steht vor einer entscheidenden Kapitalerhöhung. Während der brasilianische Großaktionär Suzano seine Bezugsrechte nur teilweise ausübt und Anteile an den Kernaktionär B&C verschiebt, wächst der Druck auf das hochverschuldete Unternehmen. Aktionärsschützer kritisieren mangelnde Transparenz bei den Konditionen der Transaktion.
Was passiert bei der Kapitalerhöhung von Lenzing?
Lenzing zeichnet neue Anteile für rund 22,5 Millionen Euro und verkauft einen Teil seiner Aktien-Bezugsrechte an den Großaktionär B&C. Nach der Transaktion hält Suzano nur noch 12,6 Prozent an Lenzing, während B&C auf 39,64 Prozent kommt. Weitere Minderheitsaktionäre sind der niederländische Finanzdienstleister NN Group und die österreichische Oberbank mit jeweils rund sechs und vier Prozent.
Die Option, dass Suzano doch noch Anteile aufstockt, bleibt nach Auffassung von Lenzing bestehen, wie das Unternehmen auf Anfrage mitteilt. Aktienexperten halten einen Ausbau der Beteiligung des brasilianischen Konzerns allerdings für unwahrscheinlich.
„Ich bezweifle, dass Suzanos Vorgehen auf ein größeres Interesse an einem Ausbau des Lenzing-Investments hindeutet“, sagt Sebastian Bray, Analyst bei der Hamburger Privatbank Berenberg.
Warum kritisieren Anlegerschützer die Transaktion?
Florian Beckermann, Präsident des österreichischen Interessenverbands für Anleger (IVA) in Wien, spricht von „paradoxen Signalen“ beim Großaktionär Suzano. Schließlich habe dieser sich erst eine Option auf weitere 15 Prozent zugesichert und beanspruche nun seine neuen Bezugsrechte nicht vollständig.
Der Anlegerschützer verlangt, dass offengelegt wird, zu welchem Preis die Rechte den Besitzer wechseln:
„Wenn Kernaktionäre während einer Kapitalerhöhung Bezugsrechte in dieser Größenordnung untereinander verschieben, sollte für alle Aktionäre nachvollziehbar sein, zu welchen wirtschaftlichen Bedingungen dies geschieht.“
Lenzing selbst kennt nach eigener Aussage die Konditionen nicht: Es handle sich um eine Transaktion unter den Großinvestoren, heißt es.
Wie reagiert der Aktienkurs?
Der Kurssturz vom vergangenen Freitag an der Wiener Börse um knapp 30 Prozent ist nach Einschätzung von Experten überwiegend technischer Natur. Seit diesem Tag wird die Aktie wegen der durch die Banken garantierten Kapitalerhöhung bereits ohne Bezugsrecht gehandelt.
Nach Abzug des Bezugsrechts hätte die Aktie nach Berechnungen des Handelsblatts bei rund 14,36 Euro schließen müssen, tatsächlich waren es 13,74 Euro. Den „Löwenanteil“ des Rückgangs führt auch Analyst Bray auf den Bezugsrechtsabschlag zurück.
Wie hoch ist die Verschuldung von Lenzing?
Schon vor drei Jahren hatte Lenzing 400 Millionen Euro bei seinen Aktionären eingesammelt, damals noch zu 33,10 Euro je Aktie. „Zwei große Kapitalerhöhungen innerhalb von drei Jahren sind kein Normalzustand“, sagt Aktionärsschützer Beckermann: „Eigenkapital wurde verbrannt.“
Nach wie vor befindet sich Lenzing in einer prekären finanziellen Situation. Das Unternehmen muss massiv Schulden abbauen. Berenberg erwartet, dass die Nettoverschuldung selbst nach der Kapitalerhöhung beim Vierfachen des operativen Gewinns (Ebitda) liegt. Lenzing peilt mittelfristig weniger als das 2,5-fache an.
Analyst Bray hält die Kapitalerhöhung deshalb für einen notwendigen Schritt, der möglicherweise aber noch nicht ausreicht. Das Unternehmen betont hingegen, dass das Paket zusammen mit den 300 Millionen Euro neuem Fremdkapital genügend Spielraum biete. Weitere Kapitalmaßnahmen seien nicht geplant.
Ab 2028 muss Lenzing allerdings zudem eine Hybridanleihe über 500 Millionen Euro refinanzieren, die im Juli 2025 platziert wurde. Diese läuft mit einem Kupon von neun Prozent über drei Jahre.
Welche Probleme gibt es im Kerngeschäft?
Außer der enormen Verschuldung steht das Kerngeschäft des Unternehmens massiv unter Druck. Lenzings wichtigstes Produkt, die Zellulosefasern aus Holz, Lyocell, erfährt starken Wettbewerb: Ihr Preisaufschlag gegenüber dem Konkurrenzprodukt Viskose sei bereits geschrumpft, schreibt Berenberg.
Die Privatbank schätzt, dass chinesische Hersteller inzwischen zu ähnlichen Kosten produzieren können wie Lenzing. Die Kapazitäten in China wachsen nach Erwartung der Analysten in den kommenden zwei Jahren um rund 20 Prozent pro Jahr und dürften die Marktnachfrage übersteigen.
Lenzing reagiert auf die härteren Marktbedingungen mit Kostensenkungen sowie dem Ausbau der Vliesstoffe. Vorstandschef Georg Kasperkovitz hat bereits entschieden, dass die Produktion in Heiligenkreuz (Burgenland) bis Ende März 2027 ausläuft. Das Werk im englischen Grimsby folgt zum Jahresende. Weltweit will Kasperkovitz bis dahin rund 2000 Stellen abgebaut haben.
Für zumindest einen kurzfristigen Lichtblick sorgten Einmaleffekte in Folge der Neubewertung biologischer Vermögenswerte und des Verkaufs von CO₂-Zertifikaten. Kurzfristig hätten diese den Gewinn im zweiten Quartal um 15 Millionen Euro auf 123 Millionen Euro erhöht, wie Berenberg berechnet hat.
Was sollten Kleinaktionäre jetzt tun?
Gerade die Kleinaktionäre müssen entscheiden, ob sie dem angeschlagenen Unternehmen weiter vertrauen. Wer nicht nachkaufen wolle, solle seine Bezugsrechte zumindest verkaufen, mahnt Aktionärsschützer Beckermann.
Gehandelt werden die Bezugsrechte noch bis zum 14. Oktober. Vor drei Jahren hatten noch 99 Prozent der übrigen Aktionäre ihre Rechte ausgeübt.