Der bundesweite Wettbewerb „abpflastern“ läuft seit dem 21. März und endet am 31. Oktober 2026. Bereits zwei Wochen vor Ende haben sich 77 Kommunen angemeldet, mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr.
Hinter dem Wettbewerb steht ein handfestes Problem: Laut Umweltbundesamt waren Ende 2024 rund 45 Prozent der bebauten und befahrenen Flächen in Deutschland vollständig versiegelt. Regenwasser versickert dort kaum, Kanalisationen geraten bei Starkregen an ihre Grenzen, und im Sommer heizen sich Städte um mehrere Grad stärker auf als das Umland.
Was bedeutet Entsiegeln?
Pflastersteine entfernen, den Boden auflockern, Bäume und Stauden pflanzen: Was nach Gartenarbeit klingt, ist ein kommunaler Wettstreit nach niederländischem Vorbild. „Versiegelung verhindert wichtige Funktionen der Böden: Wasseraufnahme bei Regen, die Verdunstungskühlung bei Hitze und die Bereitstellung von Lebensräumen für die Artenvielfalt“, sagte Lina Al-Naggar, Referentin für Flächenschutz und Stadtnatur beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), gegenüber der WAZ.
Die Dimension des Problems ist laut Al-Naggar erheblich. Mehr als 30 Fußballfelder an Fläche würden in Deutschland jeden Tag neu versiegelt. 2025 konnten im ersten deutschen Wettbewerbsjahr bundesweit knapp eineinhalb Fußballfelder wieder entsiegelt werden. Die Diskrepanz zeigt, dass der Wettbewerb vor allem eines leistet: Aufmerksamkeit.
Das niederländische Vorbild Tegelwippen
Vorbild der Aktion ist der niederländische Wettbewerb „Tegelwippen“, der 2020 als Wettstreit zwischen Amsterdam und Rotterdam begann. 2024 nahmen dort laut einem Bericht des Wuppertal Instituts 199 Kommunen teil, und es wurden mehr als 5,5 Millionen Pflastersteine entfernt. Deutschland hinkt dieser Zahl hinterher, doch das Interesse wächst.
Organisiert wird der deutsche Wettbewerb von Masterstudentinnen und Masterstudenten der Hochschule für Gesellschaftsgestaltung in Koblenz. Teilnehmen können Einzelpersonen, Vereine, Schulen, Unternehmen, Kirchen, Verwaltungen und Organisationen. Für die Kommunen werden alle abgepflasterten Steine zusammengerechnet. Bewertet wird in drei Kategorien: Großstädte, Mittelstädte und Kleinstädte. Damit der Vergleich fair bleibt, zählen laut den Organisatoren die Steine pro 1000 Einwohner, nicht die Gesamtzahl.
Im Jahr 2025 gewann Frankfurt am Main die Kategorie der Großstädte mit 63 entfernten Steinen pro 1000 Einwohner. Flensburg lag bei den Mittelstädten mit knapp 1120 Steinen pro 1000 Einwohner vorn. Mettingen führte bei den Kleinstädten mit rund 4900 Steinen pro 1000 Einwohner an, wie die WAZ berichtet.
Warum Städte Anreize fürs Entsiegeln schaffen
Einige Kommunen gehen über den Wettbewerb hinaus und bieten eigene Anreize. In Flensburg erhält, wer mindestens fünf Quadratmeter entsiegelt, einen Baum oder Strauch von der Stadt. Neumünster übernimmt die Kosten für die Bauschuttentsorgung am Recyclinghof. In Nürnberg bekamen 2026 die ersten 20 angemeldeten Projekte einen 50-Euro-Gutschein für einen Gartenmarkt.
Auch in diesem Jahr beteiligen sich Städte aktiv. Speyer ruft Bürgerinnen und Bürger auf der Beteiligungsplattform der Stadt auf, Entsiegelungsflächen zu melden, und hat in den vergangenen Jahren bereits zahlreiche Flächen entsiegelt, wie Pfalz Digital berichtet. In Bayreuth gibt es noch Geld im Fördertopf für Entsiegelungsprojekte, Stadt und Bürger arbeiten dort Hand in Hand, so der Wiesentbote. In Osnabrück suchen junge Menschen digital nach Orten, an denen mehr Grün entstehen könnte, und brechen danach selbst den Asphalt auf, wie die Tagesschau zeigt.
Was kleine Projekte bewirken können, und was nicht reicht
Die Initiative verfolgt nach Angaben ihres Sprechers mehrere Ziele. Der Wettbewerb trage dazu bei, der zunehmenden Versiegelung aktiv entgegenzuwirken, und helfe zugleich, das Problem in die Öffentlichkeit zu tragen. „Die allermeisten der zuvor versiegelten Flächen werden in Beete oder Vor-Gärten umgewandelt, die sicherlich eher langfristiger Natur sind“, sagte der Sprecher. Wie lange die Flächen tatsächlich bestehen bleiben, wertet die Initiative derzeit nicht aus.
BUND-Referentin Al-Naggar begrüßt den Ansatz deutlich. Die Aktion mache das Thema greifbar und begeistere Menschen, im eigenen Umfeld aktiv zu werden. Dadurch steige auch der politische Druck auf die Kommunen. Kleine Entsiegelungsmaßnahmen könnten viel bewirken, etwa als hitze- und hochwasserangepasster Stadtnatur-Ansatz. Zugleich bleibt sie klar bei der Einschätzung: Solche Projekte allein reichen nicht aus.
Für eine sozialdemokratische Stadtentwicklungspolitik ist das die eigentliche Botschaft. Der Wettbewerb ist ein Werkzeug der Beteiligung, kein Ersatz für verbindliche Planung. Wo Kommunen wie Speyer Entsiegelung und Begrünung in Bebauungspläne schreiben und Anreize schaffen, entsteht mehr als ein Beet: Es entsteht ein Stadtgrün, das Hitze und Starkregen tatsächlich abfedert.
Häufige Fragen zum Abpflastern-Wettbewerb
Wann läuft der Wettbewerb „abpflastern“?
Der Wettbewerb findet jährlich vom 21. März bis zum 31. Oktober statt. In diesem Jahr endet er am 31. Oktober 2026.
Wer kann beim Abpflastern mitmachen?
Einzelpersonen, Vereine, Schulen, Unternehmen, Kirchen, Verwaltungen und Organisationen. Die Steine werden pro Kommune zusammengerechnet, Anmeldung unter www.abpflastern.de.
Wie werden die Kommunen verglichen?
In den Kategorien Groß-, Mittel- und Kleinstädte, jeweils nach der Zahl der entfernten Steine pro 1000 Einwohner.
Was bringt Entsiegeln konkret?
Entsiegelte Flächen nehmen Regenwasser auf, kühlen durch Verdunstung und schaffen Lebensräume. Sie bieten damit Hitze- und Hochwasserschutz in Städten.
