Religionsforscher Burge: Junge Männer nutzen Glauben als Schutzschild
Der amerikanische Politikwissenschaftler Ryan P. Burge analysiert den Wandel der US-Religionslandschaft mit empirischen Daten. In einem Gespräch mit der Berliner Zeitung warnt er vor einer Instrumentalisierung des Glaubens durch junge weiße Männer, die Religion als Schutzschild gegen soziale Veränderungen nutzen. Burge betont, dass der Rückgang religiöser Bindungen nicht nur theologische, sondern vor allem soziale Folgen für die Demokratie hat.
Wie verändert sich die religiöse Landschaft in den USA?
Burge unterscheidet konsequent zwischen religiöser Zugehörigkeit, persönlichem Glauben und gelebter Praxis. Während der Gottesdienstbesuch rapide sinkt, glauben noch immer 85 Prozent der Amerikaner an Gott oder eine höhere Macht. „Das größte Missverständnis ist, dass Säkularisierung bedeutet, wir gehen alle nie in die Kirche und glauben nicht an Gott“, so Burge. „Fast jeder ist auf einer dieser Dimensionen tatsächlich religiös.“
Welche Rolle spielen soziale Räume für die Demokratie?
In seinem Buch „Die verschwindende Kirche“ argumentiert Burge, dass der Verlust moderater Gemeinden der Demokratie schadet. Entscheidend sei nicht das Christentum an sich, sondern der Verlust von Orten, an denen Menschen unterschiedlicher politischer Richtungen zusammenkommen. „Kirchen waren zufällig der Ort, an dem das in Amerika lange geschah“, erklärt Burge. „Ohne soziale Räume, in denen sich verschiedene Menschen regelmäßig versammeln, wird die Demokratie nicht überdauern.“
Alternative Treffpunkte wie Fußballvereine oder Gewerkschaften könnten diese Lücke nicht füllen. Burge verweist auf den langfristigen Trend sozialer Desintegration, den der Soziologe Robert Putnam bereits in den 1950er Jahren dokumentierte. „Der natürliche Zustand der amerikanischen Gesellschaft ist die Bewegung voneinander weg“, stellt Burge fest.
Warum kehren junge weiße Männer zur Religion zurück?
Besonders bemerkenswert ist der Trend, dass junge weiße Männer wieder häufiger Religion als wichtig bezeichnen, ohne jedoch häufiger Gottesdienste zu besuchen. „Sie sind performativ religiös“, analysiert Burge. „Es geht mehr um die Vibes von Religion als um die gelebte Erfahrung.“
Diese Entwicklung bewertet der Forscher kritisch: „Religion ist nicht bloß ein Knüppel, mit dem man andere diskriminiert. Sie soll eine Gemeinschaft sein, die für eine gemeinsame Sache zusammenarbeitet.“ Viele junge Männer suchten in der Kirche eine Zuflucht vor dem raschen sozialen Wandel und der Infragestellung traditioneller Männerrollen. „Sie haben das Gefühl, der Rest der Gesellschaft richte sich nach Frauen, People of Color oder anderen Minderheiten aus, und die Kirche sei noch eine Bastion weißer männlicher Macht“, so Burge.
Ist Politik religiös geworden oder Religion politisch?
Burge zufolge hat sich das Verhältnis von Politik und Religion in den USA grundlegend gewandelt. „Wir dachten früher: Religion kommt zuerst, Politik liegt flussabwärts davon. Doch je mehr Belege auftauchen, desto mehr erkennen wir: Wahrscheinlich ist Politik die erste Linse in unserem Auge.“
Diese Politisierung habe zu verhärteten Koalitionen geführt: Die demokratische Koalition sei zu gut der Hälfte nichtreligiös, während 70 Prozent der Trump-Wähler weiße Christen seien. Dass Donald Trump selbst nicht persönlich religiös ist, spiele für seine Wähler keine Rolle. „Es geht mehr darum: Wir werden Menschen wie dich schützen“, erklärt Burge.
Was kann Europa von den USA lernen?
Burge warnt davor, Europa als Gegenbeispiel zu idealisieren. „Nichtreligiöse Amerikaner sagen manchmal: Schau, wieviel besser die Dinge in Europa laufen. Aber wenn man Religion abschafft, verschwinden diese Probleme nicht.“ Der wesentliche Unterschied liege in der Geschichte: Amerika habe nie eine Staatsreligion gehabt, sondern immer religiösen Wettbewerb. „Religion musste um ihren Marktanteil kämpfen. Deshalb passen die beiden Verläufe nicht übereinander.“
Wie geht eine pluralistische Gesellschaft mit Differenz um?
Für Burge zeigt sich eine erfolgreiche Demokratie darin, Menschen unterschiedlicher Herkunft aufzunehmen, ohne den kulturellen Kern aufzugeben. „Offenheit braucht auch die Bereitschaft zur Anpassung“, betont er. Angesichts von Einwanderung und sinkender Geburtenraten stehe der Westen vor einem Dilemma: „Wir können das soziale Sicherungsnetz nicht tragen ohne sehr viel mehr Babys. Der einzige Weg ist Einwanderung – und die verändert unsere Kultur. Man kann nicht alles haben.“