Oxytocin: Wie soziale Nähe die Wundheilung fördert
Eine neue Studie der Universität Heidelberg und des Universitätsspitals Zürich zeigt: Das sogenannte Kuschelhormon Oxytocin kann Heilungsprozesse im Körper unterstützen. Allerdings nur im Zusammenspiel mit echter körperlicher Nähe. Ein Nasenspray allein reicht nicht aus.
Was ist Oxytocin und welche Funktionen hat es?
Oxytocin wird im Gehirn gebildet und ist bekannt aus der Geburtshilfe: Es leitet Wehen ein, beugt Blutungen nach der Geburt vor und fördert den Milchfluss beim Stillen. Darüber hinaus stärkt es soziale Bindungen und Vertrauen. „Die Bezeichnung Kuschelhormon ist durchaus zutreffend, denn aus Tierstudien wissen wir, dass Oxytocin im Gehirn bei Körperkontakt, Wärme und Sexualität ausgeschüttet wird“, erklärt Prof. Dr. Beate Ditzen, Mitautorin der Studie und seit 2025 Lehrstuhlinhaberin für Klinische Biopsychologie und Psychotherapie an der Universität Zürich.
Freigesetzt wird Oxytocin vor allem bei Umarmungen, Streicheln, Kuscheln oder Sex. Auch emotionale Gespräche, vertraute Stimmen oder intensiver Blickkontakt können die Ausschüttung fördern.
Wie wirkt Oxytocin auf Stress und Gesundheit?
Oxytocin spielt eine wichtige Rolle bei der Regulation von Stress. „Die Effekte weisen darauf hin, dass Oxytocin in stressreichen Situationen vermehrt ausgeschüttet wird und damit selbst die hormonelle Stressantwort über das Steroidhormon Cortisol vermindert“, so Ditzen. Zudem gibt es Hinweise, dass Oxytocin die Immunabwehr und Heilungsprozesse beeinflusst. Für einen Einsatz als Schmerzmittel reichen die bisherigen Erkenntnisse aus Tierstudien jedoch nicht aus.
Was ergab die aktuelle Studie zur Wundheilung?
Das Forschungsteam führte eine randomisierte Doppelblindstudie mit 80 Paaren durch. Jede Versuchsperson erhielt eine kleine Hautverletzung. Die Hälfte inhalierte regelmäßig Oxytocin über ein Nasenspray, die andere ein Placebo. Die Paare dokumentierten, wie oft sie kuschelten oder Sex hatten, und gaben Speichelproben ab. Nach sieben Tagen überprüften die Forschenden die Wundheilung.
Die Ergebnisse waren differenziert: Weder das Nasenspray noch körperliche Nähe allein verbesserten die Wundheilung deutlich. Den größten Effekt zeigten Teilnehmende, die das Spray erhielten und gleichzeitig viel Nähe im Alltag erlebten. „Diejenigen, die über viel Berührung und über Sex im Alltag berichtet haben, hatten die beste Wundheilung“, fasst Ditzen zusammen.
Warum sind diese Ergebnisse medizinisch relevant?
Wundheilung ist ein zentraler Gesundheitsindikator. „Über die Wundheilung kann man auch Rückschlüsse auf Genesungs- und Immunprozesse ziehen“, sagt Ditzen. Die Studie zeigt jedoch auch die Grenzen des Hormons: Oxytocin ist kein Wundermittel. Positive Effekte traten nur im Zusammenspiel mit körperlicher Nähe und positiven sozialen Interaktionen auf.
Menschen ohne regelmäßige körperliche Nähe haben Studien zufolge ein erhöhtes Krankheitsrisiko und eine verkürzte Lebenserwartung. Ditzen verweist auf Alternativen: „Auch Imagination kann sehr ähnliche Effekte haben wie tatsächliche soziale Interaktionen. Auch Telefonieren oder mit anderen zu schreiben, fördert die soziale Nähe und damit die Oxytocinausschüttung.“
Was bedeutet das für die Gesundheitspolitik?
Die Studie unterstreicht, wie eng soziale Beziehungen und körperliche Gesundheit verknüpft sind. Soziale Isolation ist ein Risikofaktor, der in der Gesundheitspolitik stärker berücksichtigt werden sollte. Programme zur Förderung sozialer Teilhabe und gegen Einsamkeit könnten damit einen direkten Beitrag zur öffentlichen Gesundheit leisten.
Häufig gestellte Fragen zu Oxytocin und Wundheilung
Kann Oxytocin als Nasenspray die Wundheilung verbessern?
Allein nicht. Die Studie zeigt, dass das Spray nur in Kombination mit regelmäßiger körperlicher Nähe einen deutlichen Effekt hatte.
Welche Rolle spielt Berührung für die Gesundheit?
Berührung fördert die Ausschüttung von Oxytocin und kann Stress reduzieren. Schon bei Frühgeborenen zeigt Berührungstherapie positive Effekte auf die Gewichtszunahme.
Was können Menschen ohne enge körperliche Kontakte tun?
Telefonate, Nachrichten oder Imagination können soziale Nähe fördern und die Oxytocinausschüttung anregen, so die Forschungsergebnisse.
Prof. Dr. Beate Ditzen hat 2025 den Lehrstuhl für Klinische Biopsychologie und Psychotherapie an der Universität Zürich übernommen. Zuvor leitete sie das Institut für Medizinische Psychologie am Universitätsklinikum Heidelberg.