Armut in Ostdeutschland: Soziologin Ramona Wuttig fordert strukturelle Veränderungen
Die Soziologin Ramona Wuttig hat ein Buch über ihre Erfahrungen mit Armut in Ostdeutschland geschrieben. In einem Interview mit der taz erklärt sie, warum Armut kein Einzelschicksal ist, sondern Millionen Menschen betrifft, und warum sie für strukturelle Veränderungen plädiert.
Warum schreibt eine Soziologin ein autobiografisches Buch über Armut?
Wuttig, die auf Social Media regelmäßig über Armut spricht, betont: „Armut ist kein trauriges Einzelschicksal, es ist etwas, das Millionen Menschen betrifft.“ Sie kritisiert, dass Zahlen in den Medien zwar oft wiederholt werden, aber keine Empörung auslösen. „Stattdessen wollen wir das Märchen von der Meritokratie glauben: Jede:r sei seines eigenen Glückes Schmied.“
Warum emotionale Ansprache wichtig ist
Die Soziologin erklärt, dass rein faktenbasierte Beiträge kaum Aufmerksamkeit erhielten. „Also poste ich ein Foto von mir in unserem verdreckten Wohnzimmer und sage: ‚Ich bin ich. Ich bin zwölf Jahre alt und meine Zähne waren schwarz.‘“ Die Menschen reagierten, weil sie sähen, dass es um ein konkretes Mädchen gehe.
Warum Armut in Deutschland kaum Empörung auslöst
Wuttig nennt zwei Gründe: Erstens sei den meisten nicht bewusst, wie nah sie der Grundsicherung seien. „Und gegen eine Milliarde ist ja selbst eine Million gar kein Geld.“ Zweitens sei Armut mehr als wenig Geld. „Das komplette Leben ist davon betroffen: Teilhabe, Bildung, Nahrung und sogar der Tod.“
Armut und Lebenserwartung: Ein Tabu
Ein Viertel aller Männer aus der niedrigsten Einkommensgruppe erlebe ihre Rente nicht, so Wuttig. Trotz jahrzehntelanger Studien sei das kaum Thema. Wenn doch, werde der Grund meist dem Individuum zugeschoben: „Na ja, guck dir den doch mal an, der säuft ja auch, der raucht und tut nichts für sich. Dann hat er halt einen Herzinfarkt und stirbt mit 58.“
Kritik an der Politik: Wissen und Berechnung
Wuttig sieht zwei Möglichkeiten: Entweder wisse die Politik nichts vom Ausmaß der Armut, oder sie rechne damit. „Das Rentensystem funktioniert ja jetzt schon nicht mehr. Wenn zusätzlich auch noch alle Geringverdienenden 80 oder 90 Jahre alt würden, wäre das aktuelle System längst am Ende.“
Stress und Überlebensmodus: Der Alltag in Armut
Die Soziologin beschreibt den ständigen Stress: „Man verbringt ganz viel Zeit damit, über die nahe Zukunft nachzudenken: Wie kommt man bis zum Ende des Monats – und das bitte nicht nur mit Toastbrot?“ Auch nach ihrem finanziellen Aufstieg habe sie diese Denkweise behalten.
Der Weg aus der Armut: Glück und Beharrlichkeit
Mit 16 zog Wuttig nach Erfurt, um das Gymnasium zu besuchen. „Einerseits war es mein absolutes Glück, räumlich so früh aus dieser prekären Situation herauszukommen.“ Gleichzeitig habe der Umzug zu einem Zusammenbruch geführt. „Erst mit dem Studium ging es langsam bergauf.“
Ein Buch für alle: Verständlichkeit als Ziel
Wuttig wollte ein Buch für jede Bevölkerungsgruppe schreiben. „Das heißt: kein akademisches Gerede und möglichst keine Fachwörter.“ Sie wolle verstanden werden.
Ostdeutsche doppelt marginalisiert?
Die Soziologin kritisiert die Debatte über den Osten, die oft nur im Zusammenhang mit der AfD geführt werde. „Dann heißt es: ‚Guck mal, wie blau der Osten ist! Das sind alles Nazis, die sind alle doof.‘“ Sie fordert mehr Präsenz Ostdeutscher in Medien, Politik und Wirtschaft.
Keine Ossiquote, aber mehr Sichtbarkeit
Wuttig lehnt eine Quote ab, plädiert aber dafür, das Thema Ost-West stärker mitzudenken, ähnlich wie bei Geschlecht oder Migrationshintergrund.
Politische Entwicklungen: Kritik an Sozialabbau
Wuttig beklagt den Abbau des Sozialstaats und nennt die Psychotherapeutenverordnung besonders problematisch. „Menschen sterben, weil sie keinen guten Zugang zu mentaler Gesundheitsversorgung haben.“
Was kann man tun? Streiken und strukturell verbessern
Die Soziologin ruft zu Streiks auf: „Streik ist das Mittel des Arbeitnehmers und der Arbeitnehmerinnen, Druck gegen den ja sonst so viel mächtigeren Arbeitgeber aufzubauen.“ Sie verweist auf die niedrigere Gewerkschaftsbindung im Osten als Ursache für niedrigere Löhne.
Klassismus und Ostdiskriminierung: Was Einzelne tun können
Wuttig beobachtet Klassismus besonders bei hochgebildeten Menschen. „Wenn sich privilegierte Menschen nicht sehr anstrengen, etwas über Ungleichheit zu lernen, haben sie oft einfach keinen Blick dafür.“
Wie lässt sich das Verhältnis zwischen Ost und West verbessern?
Wuttig schlägt vor, mehr Westdeutsche in den Osten zu locken. „Ein Fünftel der Menschen aus Westdeutschland war noch nie im Osten. Wir sind ja ein Land – da kann man auch mal aus Schweinfurt nach Erfurt kommen.“