Sportwetten-Boom: Suizidgefahr bei Spielsucht am höchsten
Zur Fußball-Weltmeisterschaft boomt der Sportwettenmarkt. Der Deutsche Sportwettenverband (DSWV) schätzt, dass in Deutschland knapp eine Milliarde Euro auf die anstehende WM gesetzt wird. Sucht-Expertin Sophie Schmid vom Präventionszentrum für Verhaltenssüchte warnt vor den Folgen der wachsenden gesellschaftlichen Normalisierung von Sportwetten und fordert strengere staatliche Regularien.
Normalisierung in der Mitte der Gesellschaft
Großevents wie eine Weltmeisterschaft verstärken die Begeisterung für den Sport, erklärt Schmid. Die Menschen seien eher bereit, eine Wette zu platzieren. Hinzu komme eine verstärkte Werbepräsenz der Anbieter. Die Folgen sind laut der Expertin deutlich sichtbar: Durch den Ausbau des Online-Angebots habe sich die Verfügbarkeit von Glücksspiel deutlich erhöht. Sportwetten seien mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft angekommen und stärker normalisiert worden. Damit steige auch das Risiko, in eine Abhängigkeit zu geraten.
Aktuell leiden rund 1,2 Millionen Menschen in Deutschland zwischen 18 und 70 Jahren an einer glücksspielbezogenen Störung. Die Entwicklung der Abhängigenzahlen sei in den letzten Jahren recht konstant geblieben, so Schmid. Die größten Unterschiede in den Zahlen kämen vor allem durch unterschiedliche Studiendesigns zustande.
Smartphones als Türöffner
Die niedrigschwelligen Angebote über Apps erhöhen das Suchtpotenzial erheblich. Wer online wettet, verliert ein Stück weit die soziale Kontrolle, erklärt Schmid. Die meisten Menschen hingen viel am Handy, ohne dass andere wüssten, was diese Person dort gerade tue. Eine Wette in der Bahn oder im Büro platziere weitaus weniger auf als der Gang in ein Wettbüro.
Kritik an der Verflechtung von Sport und Wettindustrie
Die enge Verknüpfung zwischen Sport und Sportwetten ist für Schmid ein deutliches Problem. Die Werbung trage maßgeblich dazu bei. Besonders kritisch sieht sie, dass Minderjährige diese Werbung wahrnehmen. Hinzu komme die Sonderregelung für Sportwettenwerbung, die rund um die Uhr laufen darf. Der Sport argumentiere mit seiner Abhängigkeit von Sponsoringeinnahmen. Doch blickt man auf den wahren Kern von Sport, so Schmid, sei das keine natürliche Verbindung. Sie werde nur sehr von der Sportwettenindustrie gefördert.
Im Dialog mit dem Profifußball sei es schwer, etwas zu bewegen, weil Geld ein solch gewichtiges Argument sei. Woher das Geld komme und dass es eigentlich aus den Taschen der Fans stamme, spiele meist eine untergeordnete Rolle.
Irreführende Werbung und die Illusion von Kontrolle
Sportwettenanbieter nutzten psychologische Tricks, um Kunden anzulocken und an sich zu binden. Ein klassisches Mittel sei der Willkommensbonus für die erste Wette. Anbieter wie Tipico ermöglichten sogar das Schauen von WM-Spielen direkt auf der Plattform. Solche Angebote seien extra dafür gemacht, möglichst viele Menschen anzusprechen und zum Geldausgeben zu verleiten.
Besonders problematisch findet Schmid die Werbeformulierungen, die auf die Sportexpertise abzielen. Die Anbieter wollten den Eindruck entstehen lassen, dass Kunden mit ihrer Sportexpertise besonders punkten könnten und ihr Wissen quasi direkt in Geldgewinne umwandeln. Dadurch werde die Illusion von Kontrolle geweckt. Faktisch sei das Ergebnis bei Sportwetten überwiegend vom Zufall abhängig. Deshalb würden sie als Glücksspiel eingeordnet. Langfristig werde man sehr wahrscheinlich eine negative Bilanz haben, dafür sorgten auch die Quoten.
Forderung nach strengeren staatlichen Regularien
Sportwetten seien ein Suchtmittel, für das massiv geworben werden darf, stellt Schmid klar. Hier wäre der Staat mit strengeren Regularien gefragt. Sie persönlich finde, dass für Glücksspiel nicht geworben werden darf. Schon gar nicht mit Formulierungen, die die Illusion von Kontrolle fördern.
Hohe Suizidgefahr bei Glücksspielsucht
Die Risiken einer glücksspielbezogenen Störung sind gravierend. Eine mögliche Überschuldung liegt auf der Hand. Es könne so weit kommen, dass man Haus und Hof verspiele, Beziehungen zerstört würden und man Personen anlüge, um an weiteres Geld zu kommen. Tatsächlich ist die Suizidgefahr bei Glücksspielsucht im Vergleich zu anderen Suchterkrankungen mit am höchsten. Nicht nur die eigene Existenz, sondern auch die des Umfelds könne stark leiden, warnt Schmid.
Therapie und Prävention
Statistisch können knapp 60 Prozent der Menschen Sportwetten betreiben, ohne eine Abhängigkeit zu entwickeln. Dabei handle es sich eher um Gelegenheitswettende, die mal zu einem Großevent eine Wette platzieren. Sollte man allerdings schon eine Suchtproblematik haben, sei es sehr schwer, wieder einen reduzierten Umgang mit Wetten zu finden. Betroffene berichten meistens, dass es ihnen leichter fällt, komplett aufzuhören.
Therapeutisch gibt es unterschiedliche Wege: Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen. Es gehe vor allem um die Aufarbeitung, wie es zu der Suchtproblematik kommen konnte, um zu verstehen, welche mentalen Mechanismen dahinterstecken. So solle auch die Angst genommen werden, dass Wettsucht etwas mit Willensschwäche zu tun habe. Anschließend werde erarbeitet, welche Strukturen einen dabei unterstützen, einen geregelten Alltag zurückzuerlangen und einen gesunden Umgang mit Geld zu erlernen. Ein zentrales Thema sei zudem das Besprechen von Triggerpunkten, die das Rückfallrisiko erhöhen. Bei Sportwetten stehe eben auch das Verfolgen von Sport im Mittelpunkt, wo man durch Werbung ständig konfrontiert werde.