Attestpflicht ab Tag eins: Ein neues Kapitel der Misstrauenskultur
Die Bundesregierung plant eine grundlegende Reform der Krankschreibung. Ab dem ersten Krankheitstag soll künftig ein ärztliches Attest erforderlich sein. Dieser Schritt, der Teil eines umfassenden Reformpakets ist, hat eine breite Debatte über Vertrauen, Bürokratie und die Belastung des Gesundheitssystems ausgelöst. Die geplanten Änderungen, die frühestens 2027 in Kraft treten sollen, zielen darauf ab, den hohen Krankenstand zu senken und die Wirtschaft zu stärken. Doch Kritiker warnen vor einer neuen Misstrauenskultur und einer Überlastung der Arztpraxen.
Was genau plant die Bundesregierung?
Die schwarz-rote Koalition hat sich Anfang Juli auf ein Reformpaket geeinigt, das die bisherige Drei-Tage-Frist für eine Krankschreibung abschaffen soll. Bislang war ein Attest erst ab dem dritten Krankheitstag nötig. Diese Regelung besteht seit 1994, auch wenn Bundeskanzler Friedrich Merz im ZDF etwas anderes behauptete. Die neue Regelung soll für alle Arbeitnehmer gelten. Allerdings ist noch offen, ob ein Arztbesuch am ersten Tag zwingend erforderlich sein wird. Bundeskanzler Merz betonte, dass dies nicht automatisch der Fall sei. Schon jetzt können Arbeitgeber die Attestpflicht ab dem ersten Tag vertraglich festlegen, was jedoch selten praktiziert wird.
Warum stößt der Vorschlag auf so viel Widerstand?
Die Kritik an den Plänen ist breit gefächert. Sie kommt von Gewerkschaften, Verbänden, der Opposition und sogar aus den Reihen der Koalition selbst. Der CDU-Arbeitnehmerflügel fordert die vollständige Streichung des Passus. NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst warnte, dass akut Erkrankte durch einen sofortigen Praxisbesuch andere Patienten gefährden könnten. SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf plädiert für eine flexible Umsetzung, bei der Arbeitgeber die Wahl zwischen der Regelung ab dem ersten oder dritten Tag haben. Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Stefan Schwartze (SPD), sprach von einer unnötigen Belastung. Er befürchtet, dass sich künftig mehr Arbeitnehmer krank zur Arbeit schleppen, was zu längeren Krankheitsverläufen führen könnte.
Wie reagieren die Ärzte auf die geplanten Änderungen?
Die Ärzteschaft zeigt sich alarmiert. Markus Blumenthal-Beier, Bundesvorsitzender des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes, bezeichnete die Pläne als Katastrophe für die Praxen. Diese müssten mit Millionen zusätzlicher Patienten rechnen. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, stellte die Frage, ob die Versorgungsrealität in den Koalitionsfraktionen überhaupt noch ausreichend zur Kenntnis genommen werde. Janosch Dahmen, Gesundheitspolitiker der Grünen und selbst Arzt, befürchtet mehr Bürokratie, längere Wartezeiten und mehr Krankentage. Er betonte, dass Ärzte medizinische Sachverständige und keine arbeitsrechtliche Kontrollinstanz seien.
Was passiert mit der Krankschreibung per Telefon?
Die während der Pandemie eingeführte Krankschreibung per Telefon soll abgeschafft werden. Eine Krankschreibung per Video bleibt hingegen erhalten. Dies sieht der Plan von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) vor. Linkenpolitiker Ateş Gürpınar kritisierte die Abschaffung der Telefonkrankschreibung als absurd, da sie auch ohne digitalen Ausbau funktioniere. Janosch Dahmen bemängelte das Fehlen einer wissenschaftlichen Grundlage für die Streichung. Er argumentierte, dass das Missbrauchsargument gegen die Videokrankschreibung auch für die Telefonkrankschreibung hinfällig sei.
Sind die Krankheitszahlen wirklich so hoch?
Die Zahlen sind differenziert zu betrachten. Laut einer Auswertung des Dachverbandes der Betriebskrankenkassen (BKK) blieben der Krankenstand und die durchschnittliche Krankheitsdauer im vergangenen Jahr stabil. Dennoch steigen die Ausgaben für Krankengeld, das ab dem 43. Krankheitstag gezahlt wird. Von durchschnittlich 22,1 Ausfalltagen je Beschäftigtem entfielen 6,8 Tage auf den Bezug von Krankengeld. Vor zehn Jahren waren es nur 5,4 Tage. Die Ausgaben erreichten im vergangenen Jahr mit 21,6 Milliarden Euro einen neuen Höchststand. Anne-Kathrin Klemm, Verbandsvorständin der BKK, erklärte, dass nicht die kurzen Erkältungen das System belasten, sondern lange Ausfälle durch psychische und Muskel-Skelett-Erkrankungen. Sie fordert eine ernsthafte Debatte über Präventionsstrategien.
Was ist die geplante Teilkrankschreibung?
Die Bundesregierung plant zudem die Einführung einer Teilkrankschreibung. Diese soll es ermöglichen, sich bei längeren Erkrankungen nur teilweise krankschreiben zu lassen. Das Vorhaben ist Teil der Krankenkassen-Reform, die an diesem Freitag im Bundestag beschlossen werden soll. Der Entwurf orientiert sich am schwedischen Modell, wo eine Krankschreibung erst am achten Tag fällig ist. Positive Effekte sollen eine Verkürzung der Arbeitsunfähigkeit, eine beschleunigte Rückkehr in den Arbeitsprozess und eine Reduzierung von Ausgrenzungsrisiken sein. Andreas Storm, Chef der DAK, vergleicht die Teilkrankschreibung mit der stufenweisen Wiedereingliederung. Kritiker wie Ateş Gürpınar sehen darin jedoch zusätzlichen Druck auf Kranke, sich arbeitsfähig zu machen. Janosch Dahmen befürchtet neue Bürokratie und Konflikte in den Praxen.
Wann treten die Änderungen in Kraft?
Die Krankschreibung ab dem ersten Tag soll frühestens 2027 kommen. Das Reformpaket wird nach der Sommerpause weiter diskutiert. Die Teilkrankschreibung ist für 2028 geplant.
FAQ: Häufige Fragen zur geplanten Reform
Muss ich ab 2027 bei jeder Erkältung zum Arzt?
Nein, das ist noch nicht abschließend geklärt. Bundeskanzler Merz hat betont, dass die neue Regelung nicht automatisch einen Arztbesuch am ersten Tag erfordert. Die genauen Modalitäten werden noch diskutiert.
Warum wird die Telefonkrankschreibung abgeschafft?
Die Bundesregierung sieht darin ein Missbrauchspotenzial. Kritiker bemängeln jedoch, dass es keine wissenschaftlichen Belege für diese Annahme gibt. Die Videokrankschreibung bleibt erhalten.
Was bringt die Teilkrankschreibung?
Befürworter versprechen sich eine schnellere Rückkehr in den Beruf und weniger Ausgrenzung. Gegner warnen vor Druck auf Kranke und mehr Bürokratie. Das Modell ist vom schwedischen System inspiriert.