Stromzonen-Teilung: Warum der Nordosten Deutschlands von günstigeren Preisen profitieren würde
Die Diskussion um eine Aufteilung Deutschlands in separate Strompreiszonen gewinnt an Fahrt. Eine Teilung könnte Regionen mit hohem Anteil erneuerbarer Energien entlasten, insbesondere den Nordosten. Während der Süden höhere Börsenstrompreise befürchtet, zeigen Modellrechnungen klare Vorteile für Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Teile Sachsen-Anhalts.
Wie funktioniert der deutsche Strommarkt heute?
Deutschland bildet gemeinsam mit Luxemburg eine einheitliche Stromgebotszone. An der Strombörse entsteht dadurch ein einheitlicher Preis, der suggeriert, Strom könne innerhalb des Landes frei dorthin fließen, wo er benötigt wird. Doch diese Annahme wird zunehmend zur Fiktion. Wenn im Norden viel Windstrom erzeugt wird und im Süden große Verbraucher Strom brauchen, reichen die Leitungen nicht immer aus. Netzbetreiber müssen dann eingreifen, Anlagen abregeln und andere Kraftwerke hochfahren. Dieser sogenannte Redispatch kostete in den vergangenen Jahren bis zu vier Milliarden Euro pro Jahr.
Welche Vorteile hätte eine Teilung für den Osten?
Das europäische Bidding Zone Review hat für Deutschland unter anderem eine Teilung in zwei Stromzonen berechnet. Im heutigen Einheitspreissystem lag der durchschnittliche Börsenstrompreis im Modell bei 47,76 Euro je Megawattstunde. In einer Nordzone wären es 42,55 Euro gewesen, die Südzone läge dagegen bei 49 Euro. Der Norden wäre also gut fünf Euro günstiger, der Süden etwas teurer.
Bei drei Zonen wird der Nordosten als eigener Preisraum sichtbar. Die beiden nördlichen deutschen Zonen kämen auf 43,05 und 42,14 Euro je Megawattstunde. Der Süden läge bei 49,08 Euro. Im heutigen Einheitspreis verschwindet genau jener Vorteil, den der Nordosten durch viel erneuerbaren Strom eigentlich hätte.
Eine Ariadne/Fraunhofer-Fallstudie auf Basis der Lokale Strompreise-Studie von Agora Energiewende hat Deutschland für das Jahr 2024 mit drei, neun und 22 Stromzonen modelliert. In der groben Dreiteilung sinkt der Börsenstrompreis im Osten um drei Prozent gegenüber der Einheitszone. Der Nordwesten läge mit minus sieben Prozent stärker im Vorteil, der Süden würde um fünf Prozent teurer.
Bei neun Zonen wird der Unterschied deutlicher. Die nordöstliche Zone liegt 21 Prozent unter dem Einheitspreis. Das wäre ein klarer Vorteil für Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Nördliche Küstenräume im Westen lägen mit minus 23 und minus 29 Prozent ebenfalls deutlich günstiger. Das mitteldeutsche Gebiet um Sachsen-Anhalt steht dagegen bei plus zwei Prozent. Bayern käme auf plus fünf Prozent, Baden-Württemberg auf plus acht Prozent.
Bei 22 Zonen wird die Ostsee-Region zum auffälligsten Gewinner der gesamten Karte. Dort liegt der modellierte Preis 64 Prozent unter der heutigen Einheitszone. Angrenzende nördliche Räume liegen bei minus 19, minus 27 oder minus 28 Prozent. Weiter südlich wird der Vorteil kleiner. In Brandenburg zeigen die Karten Werte um minus sechs und minus zwei Prozent. In und um Sachsen-Anhalt liegen die Werte eher zwischen minus zwei und plus drei Prozent. Sachsen und Thüringen stehen ebenfalls eher im kleinen Plusbereich.
Warum der Süden die Einheitszone verteidigt
Bayern und Baden-Württemberg sehen das Problem nicht anders, sondern sehr genau: Wenn Strompreise die tatsächliche Lage im Netz abbilden, könnte der Süden teurer werden. Die Regionen mit viel Verbrauch, starker Industrie und gewachsenen Lieferketten müssten dann stärker für ihre Entfernung zu den günstigen Erzeugungsräumen zahlen. Der Nordosten bekäme dagegen einen Vorteil, der bisher im gemeinsamen Preis verschwindet.
Die Bundesregierung stellt sich bislang auf die Seite der Einheitspreiszone. In ihrem aktuellen Aktionsplan Gebotszone hält sie ausdrücklich an der einheitlichen deutsch-luxemburgischen Stromgebotszone fest. Sie verweist auf einen einheitlichen Börsenstrompreis, einen großen liquiden Markt und weniger Unsicherheit für Industrie und Erzeuger. Statt einer Teilung setzt der Bund auf Netzausbau, bessere Auslastung bestehender Leitungen, Redispatch und eine Reform der Netzentgelte.
Welche volkswirtschaftlichen Effekte sind zu erwarten?
Die europäischen Übertragungsnetzbetreiber berechnen je nach Zuschnitt Vorteile von 251 bis 339 Millionen Euro pro Jahr. Die europäische Energieagentur ACER hält den Effekt sogar für größer und kommt auf 450 bis 540 Millionen Euro jährlich. Der Grund ist nicht nur, dass Strom in manchen Regionen billiger würde. Es müssten auch weniger teure Eingriffe ins Netz bezahlt werden.
Wie könnte billiger Strom als Standortvorteil wirken?
Gerade beim Wasserstoff wird sichtbar, worum es geht. Elektrolyseure spalten mit Strom Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff. Sie brauchen sehr viel Strom, können aber flexibler laufen als viele klassische Industriebetriebe. Sie rechnen sich eher dort, wo Strom häufig günstig ist. Bei regionalen Preisen kämen Elektrolyseure im Norden laut Ariadne/Fraunhofer auf bis zu etwa 3700 Volllaststunden. In der heutigen Einheitszone sind es nur etwa 1900.
Eine Modellierung der Forschungsstelle für Energiewirtschaft geht in dieselbe Richtung. Ohne Teilung entsteht 2030 in Deutschland kein Elektrolyse-Ausbau, sofern kein Mindestziel vorgegeben wird. Mit einer Nord-Süd-Teilung entstehen dagegen bereits 16 Gigawatt Elektrolyseleistung im Norden. Bis 2045 sinken die deutschen Nettoimporte von Wasserstoff in diesem Szenario von 45 auf 25 Terawattstunden. Aus billigem Windstrom würde damit nicht nur ein niedrigerer Börsenpreis, sondern ein Standortargument.
FAQ: Häufige Fragen zur Stromzonen-Teilung
Würde eine Teilung Ostdeutschland pauschal begünstigen?
Nein. Die Linien auf den Karten folgen nicht politischen Grenzen, sondern dem Stromnetz. Der große Gewinner wäre der Nordosten, insbesondere Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Für Sachsen-Anhalt, das viele Windräder und große Industriehoffnungen hat, wäre der Preisvorteil geringer oder sogar neutral.
Warum lehnt die Bundesregierung eine Teilung ab?
Die Bundesregierung verweist auf einen einheitlichen Börsenstrompreis, einen großen liquiden Markt und weniger Unsicherheit für Industrie und Erzeuger. Statt einer Teilung setzt sie auf Netzausbau, bessere Auslastung bestehender Leitungen, Redispatch und eine Reform der Netzentgelte.
Welche politischen Kräfte fordern eine Teilung?
Vor allem politische Kräfte in Ostdeutschland, die mit dem Versprechen niedrigerer Preise Wahlen gewinnen wollen, fordern eine Teilung. Die Diskussion zeigt, dass der Marktmechanismus, der einst von westdeutscher Seite propagiert wurde, nun Teilen des Nordostens helfen würde – aber politisch verhindert wird, weil bestehende westdeutsche Industriestandorte dann höhere Börsenstrompreise zahlen müssten.