Fifa Reformen bei der WM 2026: Fortschritt oder Regulierungswut?
Die Fußballweltmeisterschaft 2026 in den USA, Kanada und Mexiko endet am Sonntag mit dem Finale zwischen Spanien und Argentinien. Doch vor dem Endspiel steht eine grundsätzliche Frage im Raum: Hat die Fifa mit ihren zahlreichen Neuerungen den Fußball verbessert oder überreguliert? Eine datengestützte Analyse zeigt ein differenziertes Bild.
Welche Reformen haben funktioniert?
Der Kampf gegen das Zeitspiel war überfällig und zeigt erste Erfolge. Spieler, die nach einer Behandlung liegen blieben, ließen ihre Mannschaft künftig eine Minute in Unterzahl spielen. Bei Auswechslungen drohte ebenfalls ein kurzfristiger Nachteil für das eigene Team. Auch Torhüter konnten sich beim Abwurf nicht mehr beliebig Zeit lassen. Die Folge: Spieler standen schneller auf und verließen zügiger den Platz. Gute Regeln erkennt man daran, dass sie Verhalten verändern.
Allerdings fällt die Bilanz nicht eindeutig aus. Die effektive Spielzeit lag nach der Vorrunde bei knapp 58 Minuten und damit leicht unter dem Wert der EM 2024. Schiedsrichterexperte Patrick Ittrich zog bei Magenta TV ein differenziertes Fazit: Einige der neuen Regeln hätten die Netto-Spielzeit kaum erhöht, manche den Ablauf sogar verkompliziert statt beschleunigt.
Warum droht der Fußball zum Flickenteppich zu werden?
Die Fifa scheint für jedes Problem eine neue Spezialregel erfinden zu wollen. Hand vor den Mund während eines hitzigen Wortgefechts? Rote Karte. Mannschaft verlässt aus Protest den Platz? Rote Karte. Trainer fordert seine Spieler dazu auf? Ebenfalls Rot. Jede einzelne Regel mag begründbar sein. Zusammengenommen entsteht jedoch ein Regelbuch, das von Turnier zu Turnier dicker wird.
Besonders problematisch ist die neue Regel gegen das Verdecken des Mundes. Auslöser war ein mutmaßlich rassistischer Vorfall in der Champions League. Künftig kann bereits die Geste selbst zum Platzverweis führen. Paraguays Nationalspieler Miguel Almirón wurde bei dieser WM als erster Profi nach der neuen Vorschrift vom Platz gestellt. Doch die Uefa hat bereits angekündigt, die Regel gar nicht übernehmen zu wollen. Genau das darf nicht passieren. Denn Fußball lebt von seiner Einheitlichkeit und Einfachheit. Wer heute die WM schaut und morgen die Champions League einschaltet, sollte nicht erst überlegen müssen, welches Regelwerk gerade gilt.
Wie hat der VAR die Spiele beeinflusst?
Der VAR wurde bei dieser WM überwiegend sinnvoll eingesetzt. Dass offensichtliche Fehlentscheidungen bei Gelb-Rot-Platzverweisen oder falsch bestraften Spielern korrigiert werden können, erhöht grundsätzlich die Gerechtigkeit. Das Viertelfinale zwischen der Schweiz und Argentinien zeigte jedoch auch, wie schnell neue Befugnisse ausufern können. Eigentlich griff der VAR nur ein, weil der Schiedsrichter den falschen Spieler verwarnt hatte. Doch statt diese Verwechslung zu korrigieren, nutzte die Fifa die Gelegenheit, die komplette Szene neu zu bewerten. Aus einem vermeintlichen Foul an Breel Embolo wurde nachträglich eine Schwalbe. Die Folge für Embolo: Gelb-Rot. Solche Fälle zeigen, wie schnell zusätzliche Eingriffsmöglichkeiten neue Grauzonen und Probleme schaffen.
Welche Rolle spielen die Trinkpausen?
Die verpflichtenden Trinkpausen bleiben umstritten. In allen Spielen wurde unabhängig von Wetter und Stadion nach rund 22 Minuten jeder Halbzeit unterbrochen, inklusive Werbepausen für die TV-Zuschauer. Gesundheitsschutz ist selbstverständlich richtig. Trotzdem verändern diese Pausen den Charakter eines Fußballspiels. Englands Trainer Thomas Tuchel sagte, sie beeinflussten den Rhythmus stärker als erwartet. Auch der niederländische Kapitän Virgil van Dijk kritisierte die Unterbrechungen. Mehrere Momentum-Analysen zeigten, dass Mannschaften nach den Hydration Breaks regelmäßig ihren Rhythmus verloren und sich das Spiel neu sortierte.
Was bedeutet der Präsidentenjoker für die Glaubwürdigkeit?
Die kurioseste Neuerung des Turniers stand gar nicht im offiziellen Regelbuch: der Präsidentenjoker. Nachdem US-Stürmer Folarin Balogun Rot gesehen hatte, wurde seine Sperre nach einem Telefonat zwischen Donald Trump und Fifa-Präsident Gianni Infantino wieder aufgehoben. Es wirkte wie die logische Pointe einer Weltmeisterschaft, die sich auch vor dem Einfluss der Politik nicht mehr scheut.
Welche Konsequenzen drohen für den Amateurfußball?
Auf einer WM mit vier Offiziellen, modernster Technik und Videoschiedsrichtern mag es funktionieren, Countdowns herunterzuzählen, Trinkpausen zu koordinieren und neue VAR-Kompetenzen anzuwenden. Doch was passiert auf Tausenden Amateurplätzen? Dort steht häufig nur ein Schiedsrichter auf dem Feld. Soll auch er künftig herunterzählen, neue Zeitregeln überwachen und immer komplexere Vorschriften anwenden? Die Fifa sollte aus dieser WM vorwiegend eines mitnehmen: Der Fußball braucht kein immer dickeres Regelbuch. Er braucht Regeln, die überall gelten, leicht verständlich sind und Probleme tatsächlich lösen. Denn die größte Stärke dieses Sports war nie seine Perfektion, sondern seine Einfachheit.