Das Spiel um Platz drei: Ein unterschätzter WM-Moment
Das Spiel um den dritten Platz bei einer Fußball-Weltmeisterschaft hat einen schlechten Ruf. Viele Trainer und Spieler sehen es als lästige Pflicht an. Doch ein genauerer Blick auf die Geschichte zeigt: Dieses kleine Finale hat oft besondere Geschichten hervorgebracht und war für viele Nationen ein echter Triumph. Es ist Zeit, den dritten Platz neu zu bewerten.
Warum das Spiel um Platz drei oft unterschätzt wird
Thomas Tuchel, der englische Nationaltrainer, sorgte kürzlich mit einer Aussage für Diskussionen. Er sagte: „Keiner meiner Spieler und keiner der französischen Spieler möchte dieses Match spielen. Aber es ist, was es ist.“ Diese Haltung teilen viele im Fußball. Doch die Realität ist komplexer. Für einige Mannschaften ist der dritte Platz ein historischer Erfolg.
Historische Beispiele für die Bedeutung des dritten Platzes
Österreich erlebte 1954 eine schwere Halbfinalniederlage gegen Deutschland. Im Spiel um Platz drei besiegte die Mannschaft den amtierenden Weltmeister Uruguay mit 3:1. Dieser dritte Platz ist bis heute das beste WM-Ergebnis Österreichs. Der Journalist Franz Heinlein schrieb damals: „Hedn mir net Wödmasta wern kenna?“
Polen wurde 1974 und 1982 Dritter. 1974 erzielte Grzegorz Lato das entscheidende Tor gegen Brasilien und wurde Torschützenkönig. 1982 gewann Polen gegen Frankreich mit 3:2. Für ein Land, das nicht zu den traditionellen Fußballmächten zählt, sind diese Erfolge besonders wertvoll.
Außenseiter haben im kleinen Finale oft die Nase vorn. Schweden und Kroatien wurden jeweils zweimal Dritter. Chile erreichte 1962 bei der Heim-WM den dritten Platz. Belgien gewann 2018 gegen England. Diese Beispiele zeigen: Das Spiel um Platz drei bietet Chancen für Überraschungen.
Deutschlands besondere Beziehung zum dritten Platz
Deutschland hat das Spiel um Platz drei viermal von fünf Malen gewonnen. Jeder Sieg ist mit eigenen Anekdoten verbunden. 1934 in Italien gab es eine kuriose Geschichte um Verteidiger Siggi Haringer. Bundestrainer Otto Nerz warf ihn aus der Mannschaft. Offiziell wegen des Verzehrs einer Apfelsine, was nicht erlaubt war. Haringer selbst sagte später, er sei krank gewesen. Der Ersatzspieler Reinhold Münzenberg musste seine Hochzeit verschieben, um nachzureisen. Er wurde einer der besten Spieler beim 3:2 gegen Österreich.
Das Halbfinale 1934 verlor Deutschland auch wegen Torhüter Willibald Kreß. Stürmer Edmund Conen behauptete später, Liebeskummer habe Kreß abgelenkt. Eine italienische Gräfin soll ihn während des Turniers beeindruckt haben.
1970 wollte Verteidiger Willi Schulz unbedingt im Spiel um Platz drei gegen Uruguay spielen. Trainer Helmut Schön setzte ihn auf die Bank. Schulz behauptete kurz vor dem Spiel, er habe seine Schuhe im Hotel vergessen. Da seine Schuhgröße 7 nicht schnell zu beschaffen war, schmollte er und meldete sich ab.
Das Spiel um Platz drei 2006: Ein emotionaler Höhepunkt
Eine besondere Bedeutung bekam das kleine Finale bei der WM 2006 in Deutschland. Die Mannschaft hatte das Halbfinale gegen Italien verloren. Der Traum vom Titel war geplatzt. Doch das Spiel um Platz drei in Stuttgart wurde zu einem emotionalen Ereignis. Deutschland besiegte Portugal mit 3:1. Bastian Schweinsteiger, der im Halbfinale nicht gespielt hatte, erzielte zwei Tore. Torhüter Oliver Kahn durfte nach seiner Zeit als Reservist ein letztes Mal spielen. Die Fans sangen im Stadion „Oh, wie ist das schön“.
Fazit: Ein Spiel mit eigener Geschichte
Das Spiel um Platz drei ist mehr als eine lästige Pflicht. Es bietet Außenseitern die Chance auf einen historischen Erfolg. Es schafft besondere Momente und emotionale Geschichten. Die Kritik von Trainern wie Thomas Tuchel mag verständlich sein. Doch die Geschichte zeigt: Dieses Spiel hat eine eigene Daseinsberechtigung im Fußball.