Pornokonsum als Hauptursache für erektile Dysfunktion
Von Echo Berlin
Ein zunehmendes Problem belastet die sexuelle Gesundheit von Männern: Erektionsstörungen, Libidoverlust und schädlicher Pornokonsum hängen enger zusammen als bisher angenommen. Die Sexualtherapeutin Beatrix Roidinger erklärt, wie Medienkonsum das Erregungsmuster nachhaltig verändert und welche gesellschaftlichen Antworten nötig sind.
Die Diagnose: Verhaltensstörung, keine Sucht
Die drei häufigsten sexuellen Funktionsstörungen bei Männern sind vorzeitiger Samenerguss, ausbleibender Orgasmus und instabile oder fehlende Erektionen. Flankiert werden diese Beschwerden von Lustlosigkeit und Libidoverlust. Roidinger sieht einen klaren Zusammenhang mit dem Konsum pornografischer Inhalte.
Nach der international gültigen Klassifikation von Krankheiten, der ICD-11, handelt es sich dabei um eine Verhaltensstörung und nicht um eine Sucht im medizinischen Sinne. Von schädlichem Konsum spricht die Expertin, wenn Männer erkennen, dass ihr Verhalten problematisch ist, aber dennoch nicht damit aufhören können.
Extreme Reize konditionieren das Gehirn
Ein zentrales Symptom des schädlichen Konsums: Betroffene finden realen Sex langweilig oder benötigen immer extremere Reize. Die Realität wirkt schal, da das Gehirn auf intensive visuelle Stimuli konditioniert wurde.
Besonders alarmierend ist die Entwicklung bei jüngeren Männern. Die Generation Z hat oft zahlreiche extreme pornografische Darstellungen gesehen, bevor sie überhaupt eine reale sexuelle Erfahrung gemacht hat. Roidinger beobachtet bei jungen Männern eine ausgeprägte Realitätsverzerrung. Das Gefühl, Sex sei überall verfügbar, nur für einen selbst nicht, begünstigt Einsamkeit und Frustration.
Was Jugendliche verlernen
Die Therapeutin beobachtet eine beschleunigte Entwicklung bei Jugendlichen. Während früher der erste zarte Kuss monatelang nachwirkte, haben 13-Jährige oft bereits Analsex, BDSM und Gruppensex in pornografischen Formaten gesehen. Ein zärtlicher Kuss wirkt dann schlichtweg zu wenig.
Roidinger betont, dass sie nicht gegen ein breites Spektrum sexueller Spielarten ist. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen sieht sie jedoch ein strukturelles Problem. Wer früh mit extremen Praktiken beginnt, verliert wichtige sinnliche Erfahrungen. Langfristig führt das dazu, dass Sex schneller langweilig wird, das Dopaminlevel sinkt und immer stärkere Reize nötig sind.
Gesellschaftliche Antworten sind nötig
Inzwischen gibt es sogenannte Porno-Shorts, also Sekundenaufnahmen, die Erotik vollständig vom zwischenmenschlichen Miteinander entkoppeln. Roidinger fordert deshalb eine deutlich bessere sexualpädagogische Aufklärung. Zu Sex gehörten im echten Leben auch Gefühle, Flüstern, Zärtlichkeit und Lachen, peinliche Geräusche oder ungeschickte Momente. All das fehle in der pornografischen Darstellung.
Diese Forderung nach umfassender Sexualaufklärung steht im Einklang mit progressiven Ansätzen zur Gesundheitsprävention. Anstatt Sexualität zu tabuisieren, braucht es eine offene Debatte über den Einfluss der Pornoindustrie auf die psychische und physische Gesundheit junger Menschen.
Wege aus dem schädlichen Konsum
Den Konsum zu reduzieren, ist kompliziert. Es liegt in der menschlichen Natur, unmittelbaren Reizen nachzugeben. Ein Buch zu lesen erfordert mehr Energie als sich dem endlosen Scrollen hinzugeben. Dasselbe Prinzip gilt bei Pornos und realem Sex.
Roidinger bietet beispielsweise 14-Tage-Challenges an, inklusive eines Dopamin-Detox-Tags. Eine Aufgabe lautet: Beim Essen kein Streaming, kein Scrollen, einfach nur essen. Viele Teilnehmer hielten es kaum eine Minute aus. Doch wer durchhält, beginnt, die Konsistenz wirklich wahrzunehmen. Ähnliches passiert, wenn Pornos weggelassen werden. Partnerschaftlicher Sex wird dann wieder in seiner ganzen Vielfalt empfunden.
Das Problem mit der Reibung
Bei Männern mit Erektionsproblemen stellt Roidinger eine klare Frage: Wie und wozu masturbieren Sie? Zu 99 Prozent konsumieren diese Männer Pornos und reiben dabei sehr fest und schnell. Sie setzen sich also starken visuellen Reizen und extremer Reibung aus, beides ist beim partnerschaftlichen Sex so nicht gegeben.
Um das Konditionierte zu kompensieren, greifen viele Männer zu schneller, harter Penetration. Das wiederum widerspricht häufig den Bedürfnissen ihrer Partnerinnen. Gerade wenn Erektionsprobleme vorliegen, wollen die Männer nicht langsamer werden, aus Angst, die Erektion zu verlieren. Ein Teufelskreis, der durchschaut werden muss.
Abtrainieren ist möglich
Was antrainiert wurde, lässt sich auch wieder abtrainieren. Ein Ansatz lautet anders masturbieren. Die Klienten sollen sich sanfter streicheln und weitere erogene Zonen einbeziehen. Masturbation ist nicht per se schädlich. Sie kann helfen, den eigenen Körper und die eigenen Fantasien wahrzunehmen.
Bei einem Porno-Detox verlieren die meisten Männer zunächst die Lust auf Masturbation. Wer 20 oder 30 Jahre lang zu Pornos masturbiert hat, ist darauf konditioniert. Roidinger rät, den eigenen Porno im Kopf zu drehen, Fantasiegeschichten zu entwickeln oder Gefühle differenzierter zu benennen. Auch Beckenbodenübungen, Atemübungen und das Spiel mit der Erregungskurve gehören zu den therapeutischen Ansätzen.
Das Ziel ist Selbstwirksamkeit. Wer sich selbst kennenlernt, gewinnt eine neue Freiheit, die nachhaltiger ist als jeder schnelle Reiz. Dann braucht es vielleicht gar keine Pornos mehr.
Weitere Informationen: Beatrix Roidinger, Best Lover: So spürst du mehr, steuerst besser deine Lust und fühlst dich freier beim Sex.