Kambodscha zieht Reisende vor allem mit Angkor Wat an, doch eine aktuelle Reportage der Augsburger Allgemeine zeigt, dass das Land weit mehr bietet als den berühmten Tempelkomplex. Vom Königspalast in Phnom Penh über die Stätten des Genozids bis zum Leben am Tonle Sap zeichnet der Bericht das Bild einer Gesellschaft, die sich von einem der schwersten Traumen des 20. Jahrhunderts langsam erholt.
Der Tempelbezirk von Angkor mit seinen monumentalen Anlagen bleibt der Besuchermagnet des Landes, wie auch Reiseführer übereinstimmend betonen. Wer Kambodscha jedoch allein darauf reduziere, verpasst ein berührendes Land, schreibt die Augsburger Allgemeine in ihrem am 26. Oktober 2026 veröffentlichten Reisebericht.
Phnom Penh: eine Stadt zwischen Kolonialzeit und Hochhäusern
Das Stadtbild der Hauptstadt ist uneinheitlich. Die französische Kolonialzeit von 1863 bis 1953 prägte Phnom Penh mit breiten Boulevards und Villen, der Zentralmarkt Psar Thmey entstand im Art-déco-Stil. In den 1950er- und 1960er-Jahren setzte die New Khmer Architecture eigene Akzente, seit etwa 2010 wachsen Wolkenkratzer, gespeist durch Investitionen aus ganz Asien. Historisch geht Kambodscha auf das Reich Kambuja zurück, das vom 9. bis zum 15. Jahrhundert blühte, wie Wikipedia dokumentiert.
Ein Symbol für Kontinuität ist der Königspalast mit Silberpagode, Thronsaal und Napoleon-Pavillon. Seit der Wiederherstellung der Monarchie 1993 dient er wieder als königliche Residenz. Die Reiseleiterin Phal Ros, die in Phnom Penh lebt, sprach mit den Reportern über die Bedeutung des Palastes.
„Der aktuelle König Norodom Sihamoni ist sehr volksnah. Wir hoffen alle, dass er noch lange lebt.“
Ende September 2026 kehrte Sihamoni nach medizinischen Untersuchungen aus China zurück.
Wie geht Kambodscha mit der Geschichte der Roten Khmer um?
Mitten in der Hauptstadt liegt das Tuol-Sleng-Genozid-Museum. Die Roten Khmer hatten 1975 das einstige Tuol-Svay-Pray-Gymnasium in das Foltergefängnis S-21 umgewandelt. Die Verhöre endeten fast immer mit dem Tod oder der Verschleppung auf die Killing Fields. Nur von sieben erwachsenen Überlebenden ist die Rede. Die Ideologie des Regimes zielte darauf, die Gesellschaft mit brutaler Gewalt in einen reinen Bauernstaat umzuwandeln; Intellektuelle und ihre Familien sollten ausgelöscht werden.
„Jede Familie war betroffen“, sagt Phal Ros. Als Schulkind wurde sie von ihrer Familie getrennt und zur Zwangsarbeit aufs Land verschickt. Die Hauptstadt wurde evakuiert und blieb bis zum Einmarsch vietnamesischer Truppen fast vier Jahre lang eine Geisterstadt.
„Es ist noch so in den Köpfen der Menschen, das ganze Land bräuchte eigentlich Psychologen.“
Die Bewältigung des kollektiven Traumas werde noch viel Zeit brauchen, sagt die Reiseleiterin. Deshalb gehört das Museum für sie zu jeder Reise ihrer Gruppen, auch wenn es sie selbst jedes Mal Kraft kostet.
Sambor Prei Kuk: Welterbe ohne Trubel
Rund 200 Kilometer von Angkor entfernt liegt die Tempelanlage Sambor Prei Kuk, seit 2017 UNESCO-Welterbestätte. Die im 6. und 7. Jahrhundert erbauten Tempel gehen auf hinduistische Traditionen zurück. Waren es einst etwa 170, umfasst das Areal heute noch mehr als 100 Tempel in drei Hauptgruppen. Die achteckigen Bauten gelten als einzigartig in der südostasiatischen Architektur. Anders als in Angkor gebe es hier kein Sandsteinvorkommen, erklärt Ros: Die Tempel wurden aus Backstein errichtet. Für eine Hauptgruppe sollte man eineinhalb bis zwei Stunden einplanen.
Soziale Projekte: Ausbildung statt Almosen
In Siem Reap engagiert sich das Lehrrestaurant HAVEN für junge Menschen aus Heimen und ländlichen Regionen. Das Schweizer Ehepaar Sara und Paul Wallimann erkannte 2008 während einer Weltreise, wie schwer diesen der Einstieg ins Berufsleben fällt. 2011 gründeten sie das Lehrrestaurant, das junge Menschen für Küche und Service ausbildet und anschließend an Hotels und Restaurants vermittelt. Die Einnahmen aus dem Restaurantbetrieb tragen zur Finanzierung des Ausbildungsprogramms bei.
„Sobald sie auf sich allein gestellt sind, fehlt es meist an Bildung und beruflicher Perspektive.“
Der Weg sei oft anstrengend, sagt Sara Wallimann, jeder junge Mensch müsse individuell begleitet werden: „Aber wir bekommen so viel zurück.“
Ähnlich arbeitet der Phare Cambodian Circus. Die gemeinnützige Kunstschule Phare Ponleu Selpak wurde 1994 von Rückkehrern aus Flüchtlingslagern gegründet, die Kunst nutzen, um jungen Menschen Perspektiven zu eröffnen. Die Artistinnen und Artisten in Siem Reap sind Absolventen dieser Schule. In der rund einstündigen Show wechselt unbeschwerte Heiterkeit mit anspruchsvoller Akrobatik.
Leben am Tonle Sap
Der Alltag am Tonle Sap ist an den wechselnden Wasserstand angepasst: Menschen wohnen in Hausbooten oder auf meterhohen Stelzenhäusern, auf den Wasserstraßen liegen schwimmende Polizeistationen, Kirchen und kleine Läden. Während der Monsunzeit steigt der Wasserstand des Mekong so stark, dass das Wasser rückwärts in den Tonle Sap strömt. Der See dehnt sich dann auf das Fünffache seiner normalen Fläche aus, erklärt Phal Ros. Dieser natürliche Rhythmus prägt das Leben der Menschen am See seit Jahrhunderten.
Praktische Hinweise für die Reise
Eine direkte Flugverbindung nach Kambodscha gibt es nicht; deutsche Reisende fliegen über den Nahen Osten oder Südostasien an, etwa mit Vietnam Airlines von München über Ho-Chi-Minh-Stadt nach Phnom Penh. Deutsche Staatsangehörige benötigen einen Reisepass, der bei der Einreise noch mindestens sechs Monate gültig ist, sowie ein Visum, das vorab online oder bei der Einreise für 30 US-Dollar erworben werden kann (Stand Oktober 2026). Zusätzlich muss die digitale Cambodia e-Arrival Card ausgefüllt werden, frühestens sieben Tage vor Ankunft. Für die Tempelanlagen von Angkor kostet der Tagespass derzeit 15 US-Dollar.
Häufige Fragen
Warum lohnt sich Kambodscha auch ohne Angkor Wat?
Phnom Penh, Sambor Prei Kuk, soziale Projekte wie HAVEN und der Tonle Sap zeigen Geschichte, Erinnerungskultur und Alltag eines Landes im Wandel.
Was geschah im Tuol-Sleng-Gefängnis?
Die Roten Khmer betrieben dort von 1975 an das Foltergefängnis S-21; die Verhöre endeten für die Opfer fast immer mit dem Tod oder der Verschleppung auf die Killing Fields.
Welches Visum benötigen Deutsche für Kambodscha?
Ein Visum ist erforderlich und kann online als E-Visum oder bei der Einreise für 30 US-Dollar erworben werden; zusätzlich ist die digitale Cambodia e-Arrival Card auszufüllen.
