Halles Subkultur im Wahlkampf: Widerstand gegen rechts
In Halle prägen das Indie-Label Turbo Discos, das Veranstaltungskollektiv United Shit und das Freie Radio Corax eine Subkultur, die sich gegen rechte Tendenzen behauptet. Angesichts der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September gewinnt dieser Widerstand an Bedeutung.
Eine Szene mit Leuchtturmcharakter
NJ, der seinen vollen Namen nicht nennen möchte, lebt seit zehn Jahren in Halle und gründete 2018 das Indie-Label Turbo Discos. Neben seinem Hauptjob veröffentlicht er darauf Punk- und Indie-Musik aus der Region, etwa der Band Jazz. Mit dem Kollektiv United Shit organisiert er zudem Konzerte in der zweitgrößten Stadt Sachsen-Anhalts.
Die Besonderheit Halles liege in der Durchmischung verschiedener Szenen, erklärt NJ. „Die subkulturelle Szene ist sehr breit gefächert“, sagt er. Obwohl kleiner als in Leipzig, sei die Stadt durchlässiger. Neuankömmlinge fänden schnell Anschluss.
Ein wichtiger Faktor ist die Kunsthochschule Burg Giebichenstein mit über 1.000 Studierenden. Jedes Jahr kommen neue Menschen nach Halle, viele pendeln aus Leipzig. Diese Dynamik prägt die kulturelle Entwicklung der Stadt.
Rechte Übergriffe und wachsende Selbstbewusstheit
Trotz der linken Prägung vieler Bands und Veranstaltungen gibt es in Halle auch eine aktive rechte Szene. NJ beobachtet, dass junge Rechte offener auftreten: „Jungnazis laufen mittlerweile mit Shirts rum, deren Slogans klar der rechten Szene zuzuordnen sind.“
Vor einem Konzert von United Shit wurden drei junge Punks verprügelt. Seitdem achten die Veranstalter darauf, dass niemand die Konzerte allein verlässt. „Wir versuchen, alle ein Auge aufeinander zu werfen und gegenseitig auf uns aufzupassen“, so NJ.
Die Veranstaltungen bleiben offen für alle. Neue Besucher sind ausdrücklich willkommen. United Shit organisiert Konzerte bewusst an verschiedenen Orten in der Stadt und ist unabhängig von staatlichen Förderungen.
Unabhängigkeit als Schutz vor politischem Druck
Diese Unabhängigkeit sieht NJ als Vorteil, besonders mit Blick auf eine mögliche AfD-Regierung nach der Landtagswahl. Funktionierende Strukturen ohne Förderung könnten den Wegfall staatlicher Gelder überstehen. Ein Hebel bliebe jedoch: „Wenn wir betroffen sein sollten, dann, was die Räume angeht, in denen wir Konzerte organisieren“, sagt er.
Radio Corax im Visier der AfD
Radio Corax, ein Freier Sender, ist bereits jetzt Anfeindungen von rechts ausgesetzt. Im Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt wird der Sender namentlich als Gegner genannt. „Radio Corax den Geldhahn zudrehen!“ lautet die Drohung. Zudem finden sich Begriffe wie „Genderismus“ und „Regenbogenideologie“ in dem Pamphlet.
Für die Hallenser Kulturszene ist Radio Corax unverzichtbar. Der Sender spielt Musik, die in anderen Programmen fehlt. „Für uns ist Corax ein Dreh- und Angelpunkt, der fest in die lokale Szene eingebunden ist“, sagt NJ und sieht dort einen „kämpferischen Aufschwung“.
Widerstand als Haltung
Der widerständige Geist zieht sich durch die gesamte Subkultur Halles. Aufgeben oder Wegziehen ist für viele keine Option, weder für Politgruppen noch für Labelbetreiber und Veranstalter. NJ hadert manchmal damit, nicht mehr so stark ins politische Geschehen eingebunden zu sein. Seine politisch aktiven Freunde entgegnen dann: „Was würden wir nur machen, wenn wir nicht mehr ausgehen und auf Konzerte gehen können?“
Turbo Discos, United Shit und Radio Corax schaffen viele kleine Leuchttürme in Halle. Menschen, die widerständig sind, freie Räume geschaffen haben und diese nicht so schnell verlassen werden.