Warum Flüchtlinge bei Winterspielen ausgeschlossen bleiben
Während bei Olympischen Sommerspielen das IOC-Flüchtlingsteam regelmäßig für inspirierende Geschichten sorgt, gibt es bei den Winterspielen 2026 in Mailand und Cortina kein entsprechendes Team. Diese strukturelle Ungleichbehandlung wirft Fragen über die Inklusivität des olympischen Sports auf.
Erfolgsgeschichten bleiben den Sommerspielen vorbehalten
Cindy Ngamba schrieb bei den Olympischen Sommerspielen 2024 in Paris Geschichte: Als erste Athletin des IOC-Flüchtlingsteams gewann sie eine olympische Medaille. Die aus Kamerun geflüchtete Boxerin holte Bronze im Mittelgewicht und wurde zum Symbol für Millionen Geflüchtete weltweit.
"All das habe ich nicht für mich erreicht, sondern für die Geflüchteten", erklärte Ngamba nach ihrem historischen Erfolg. Solche inspirierenden Botschaften werden bei den kommenden Winterspielen jedoch fehlen, da das IOC weiterhin kein Flüchtlingsteam für Winterdisziplinen aufstellt.
IOC bietet keine Begründung für Ausschluss
Auf Anfrage bestätigte IOC-Pressesprecher Christian Klaue: "Das olympische Flüchtlingsteam gibt es seit den Olympischen Spielen Rio 2016, allerdings immer nur bei den Sommerausgaben." Eine Begründung für diese Beschränkung lieferte das IOC nicht.
Diese Haltung erscheint besonders problematisch angesichts der aktuellen geopolitischen Lage. Seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine sind zahlreiche Athletinnen und Athleten aus Belarus und Russland geflohen, darunter auch Wintersportler.
Strukturelle Barrieren im Wintersport
Lee Jung-woo von der University of Edinburgh sieht mehrere Faktoren: "Wintersport ist in den Ländern, aus denen Menschen fliehen, meist nicht sehr entwickelt. Zudem ist Wintersport deutlich teurer als Sommersport." Die hohen Kosten für Ausrüstung und Training würden zusätzliche Hürden schaffen.
Dennoch gibt es Gegenbeispiele: Die belarussische Biathletin Daria Dolydovich floh nach Polen und durfte bei der Biathlon-WM als Refugee teilnehmen. Bei Olympischen Winterspielen bleibt ihr diese Möglichkeit jedoch verwehrt.
Historische Versäumnisse wiederholen sich
Das Problem ist nicht neu: Bereits in den 1930er Jahren, als jüdische Menschen aus Deutschland fliehen mussten, oder während des Kalten Krieges beim Exodus aus Osteuropa gab es keine olympische Unterstützung für geflüchtete Athleten. Länder wie Belarus und Russland haben traditionell starke Wintersportkulturen, doch ihre verfolgten Sportler finden bei Olympia keine Heimat.
Die selektive Anwendung olympischer Werte untergräbt das Prinzip der Inklusion. Während das IOC einen Solidaritätsfonds zur Förderung des Wintersports in ärmeren Regionen unterhält, reichen die Ressourcen bei weitem nicht aus, um echte Chancengleichheit zu schaffen.
Thomas Bach, ehemaliger IOC-Präsident, betonte noch 2024: "Gerade in Zeiten von Kriegen und Konflikten sind die Olympischen Spiele und ihre Werte wichtiger denn je." Diese Worte stehen im Widerspruch zur aktuellen Praxis, die Flüchtlinge systematisch von der Teilnahme an Winterspielen ausschließt.