Olympische Winterspiele 2026: Dezentrale Austragung als nachhaltiges Zukunftsmodell
Die Olympischen Winterspiele 2026 in Mailand und Cortina d'Ampezzo markieren einen Paradigmenwechsel im olympischen Sport. Erstmals in der Geschichte finden Wettkämpfe über derart große Entfernungen verteilt statt, was sowohl Kritik als auch Hoffnung auf nachhaltigere Spiele weckt.
Innovative Eröffnungsfeier an mehreren Orten
Die heutige Eröffnungsfeier (live im Ersten ab 19:50 Uhr) symbolisiert diese neue Ausrichtung: Während das Giuseppe-Meazza-Stadion in Mailand das Zentrum bildet, finden parallel kleinere Feiern mit Nationenparaden in Cortina, Predazzo und Livigno statt. Diese dezentrale Struktur spiegelt die geografischen Realitäten Norditaliens wider.
Zwischen den Hauptaustragungsorten Mailand und Cortina d'Ampezzo liegen 400 Kilometer und fünfeinhalb Autostunden. Diese Distanz entspricht etwa der Strecke zwischen München und Frankfurt und stellt Athleten wie Organisatoren vor logistische Herausforderungen.
Kritik an der räumlichen Trennung
Wolfgang Maier, Alpindirektor im Deutschen Skiverband, und US-Skistar Lindsey Vonn äußerten sich kritisch zur Aufteilung. Besonders problematisch: Die alpinen Skirennen finden geschlechtergetrennt statt, Männer starten in Bormio, Frauen in Cortina. Zudem gibt es kein gemeinsames Olympisches Dorf.
Christoph Dubi, Direktor beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC), räumt bezüglich der Alpenregion ein: "Die Herausforderungen sind real, aber notwendig für nachhaltige Spiele."
Abkehr vom kostspieligen Gigantismus
Die dezentrale Ausrichtung markiert eine bewusste Abkehr vom olympischen Gigantismus vergangener Jahre. Sotschi 2014, Pyeongchang 2018 und Peking 2022 entstanden durch immense Investitionen, deren Anlagen heute teilweise ungenutzt bleiben. Diese Entwicklung hat den Ruf der Winterspiele erheblich beschädigt.
Mailand/Cortina sollte ursprünglich ohne Neubauten auskommen. Tatsächlich entstanden jedoch eine neue Bobbahn und umfangreiche Sanierungen bestehender Anlagen. Andrea Varnier, Geschäftsführer der Stiftung Milano Cortina 2026, betont dennoch: "Wir nutzen vorhandene Infrastruktur optimal und schaffen ein nachhaltiges Modell."
Zukunftsmodell für alpine Regionen
Frankreich und die Schweiz verfolgen ähnliche Ansätze für kommende Spiele. Die "French Alpes" 2030 setzen ebenfalls auf mehrere Cluster mit über 500 Kilometern Entfernung zwischen den Austragungsorten. Für Eisschnellauf plant Frankreich sogar grenzüberschreitende Wettkämpfe.
Die Schweiz bewirbt sich 2038 erstmals als ganzes Land um die Winterspiele, mit Austragungsorten quer durchs Land verteilt. Johan Eliasch, Präsident des Ski-Weltverbands FIS, sieht darin Vorteile: "Dezentrale Spiele ermöglichen nachhaltige Nutzung bestehender Infrastruktur."
Nachhaltigkeit versus olympische Tradition
Angesichts der Klimakrise scheinen dezentrale, länderübergreifende Spiele die Zukunft des Wintersports zu sein. Ausnahmen wie Salt Lake City 2034 bestätigen diese Regel. Diskutiert wird eine Rotation zwischen wenigen geeigneten Regionen.
Die neue IOC-Präsidentin Kirsty Coventry will alle Strukturen überprüfen. Die zentrale Herausforderung: günstige und nachhaltige Spiele organisieren, ohne die olympische Idee der weltweiten Gemeinschaft zu verlieren.
Die Winterspiele 2026 werden zeigen, ob dezentrale Austragung ein gangbarer Weg für nachhaltigeren Olympiasport ist oder ob die olympische Magie unter den weiten Wegen leidet.