Die Beziehungen zwischen Washington und Kiew erleben ihre schwerste Krise seit anderthalb Jahren. US-Präsident Donald Trump hat öffentlich einen Machtwechsel in der Ukraine gefordert und damit eine Debatte ausgelöst, die Selenskyj innenpolitisch stärken dürfte. Historische Parallelen und aktuelle Umfragedaten stützen diese Einschätzung.
Was hat Trump genau gesagt?
Am vergangenen Sonnabend erklärte Trump vor Journalisten: „Ich denke, es ist Zeit, dass die Ukraine einen neuen Präsidenten bekommt.“ Er schlug vor, dass sich das Land „einen neuen Anführer suchen“ solle, „der einen Deal machen kann“. Selenskyj habe den Krieg „viele Male beenden können – viele, viele Male. Und er entscheidet sich dagegen“, so der US-Präsident sichtlich verärgert.
Der Diesel-Deal mit Russland als Auslöser
Hintergrund der Eskalation ist ein Abkommen zwischen Trump und Kremlchef Wladimir Putin. Russland soll zunächst gut 300.000 Tonnen Diesel auf den Weltmarkt bringen, insgesamt sind 4,8 Millionen Tonnen geplant. Ukrainische Drohnenangriffe auf russische Raffinerien stören dieses Geschäft. „Wir haben gesagt, ihr könnt mit Russland machen, was ihr wollt, nur greift nicht die Raffinerien an, denn das ist ein Weltproblem“, sagte Trump.
Selenskyj hatte den Deal zuvor als „nicht fair und nicht ehrlich“ kritisiert und als „Zeichen der Schwäche“ Trumps bezeichnet. Gegenüber dem Portal Axios nannte er das Abkommen ein „Geburtstagsgeschenk“ für Putin.
Warum Trumps Angriff Selenskyj innenpolitisch hilft
Die Forderung nach einem Machtwechsel von außen greift nicht nur eine Person an, sondern die Souveränität eines ganzen Volkes. Diese Dynamik zeigt sich in der Reaktion der ukrainischen Führung. Außenminister Andrij Sybiha schrieb auf X, Selenskyj führe das Land „in einem Krieg für Unabhängigkeit, Freiheit und Würde“ und habe „die Unterstützung des ukrainischen Volkes“. Das ukrainische Volk habe „das Recht, zu entscheiden“.
Der Applaus aus Moskau verstärkt diesen Effekt. Putins Sondergesandter Kirill Dmitrijew feierte Trumps Worte als „symbolisch und historisch“. Wenn Russland jubelt, wird für viele Ukrainer die Frage nach Selenskyjs Zukunft zur Frage, wer über ihr Land bestimmt.
Wie reagiert die Opposition in Kiew?
Selbst Selenskyjs innenpolitische Gegner mit echten Machtoptionen zeigen sich zurückhaltend. Ex-Präsident Petro Poroschenko hatte bereits im März 2025 betont, seine Partei stelle die Legitimität der Staatsführung „einschließlich des Präsidenten“ nicht infrage. Auch für die aussichtsreichsten Kandidaten, den ehemaligen Militärchef Saluschnyj und den früheren Verteidigungsminister Fedorow, gilt: Wer jetzt Selenskyjs Rücktritt fordert, stünde wie Trumps Stichwortgeber da.
Was sagen die Umfragen?
Die Wirkung solcher Angriffe ist messbar. Im Februar 2025 nannte Trump Selenskyj einen „Diktator“. Danach stiegen die Umfragewerte für Selenskyj laut dem Kiewer Institut für Soziologie KIIS von 57 auf 67 Prozent. Viele Ukrainer empfanden Trumps Worte als Angriff auf ihr ganzes Land.
Aktuell vertrauen laut KIIS nur noch 54 Prozent der Ukrainer Selenskyj. Gründe sind Korruptionsaffären in seinem Umfeld und die schwierige Kriegslage. Mehr als die Hälfte wünscht sich, dass er nicht für eine zweite Amtszeit antritt. Trumps Angriff kommt für den ukrainischen Staatschef also zu einem günstigen Zeitpunkt.
Was bedeutet das für den Ukraine-Krieg?
Ob es zu einem echten Wendepunkt im fast fünf Jahre andauernden Krieg kommt, ist fraglich. In Kiew dürfte die Debatte nun weniger um Korruption oder militärische Strategien kreisen, sondern um die Frage, wer über die Zukunft des Landes bestimmt. Die Antwort darauf geben die Ukrainer selbst – nicht Washington.
Häufige Fragen zum Konflikt zwischen Trump und Selenskyj
Warum fordert Trump einen Machtwechsel in der Ukraine?
Trump will den Krieg in Europa beenden und sieht Selenskyj als Hindernis. Der Diesel-Deal mit Russland, den ukrainische Angriffe auf Raffinerien stören, verschärft den Konflikt.
Wie reagiert die ukrainische Bevölkerung?
Historisch betrachtet stärken ausländische Angriffe auf Selenskyj dessen Rückhalt in der Bevölkerung. Nach Trumps „Diktator“-Äußerung 2025 stiegen die Zustimmungswerte deutlich.
Kann Trump Selenskyj tatsächlich absetzen?
Nein. Die Ukraine ist eine souveräne Demokratie. Die Entscheidung über die Staatsführung liegt beim ukrainischen Volk, nicht bei Washington oder Moskau.
