Der Bad Hersfelder Stadtkirchenpfarrer Frank-Nico Jaeger hat sich beim Lullusfest deutlich gegen die Verrohung der Online-Diskussionskultur ausgesprochen und mehr öffentliche Empörung über soziale Missstände eingefordert. Das Gespräch mit ihm führte die Zeitung HNA, ungewöhnlicher Ort: eine Gondel des „Moviestar“-Riesenrads der Schaustellerfamilie Landwermann, hoch über dem Festgelände.
Jaeger, seit 2014 Pfarrer der Evangelischen Stadt- und Johanneskirchengemeinde in Bad Hersfeld, nutzte das Interview für scharfe Worte über den Zustand der Debattenkultur. „Ich bin entsetzt, wenn ich manche Dinge im Internet lese“, sagte er. Er bezweifle, dass dieselben Menschen ihre Aussagen ihren Mitmenschen auch ins Gesicht sagen würden.
Mehr Empörung für die richtigen Themen
Besonders bemerkenswert war Jaegers Kritik an einer nach seiner Wahrnehmung fehlgeleiteten Empörung. Er wünsche sich eine ähnlich große öffentliche Aufregung, wie sie in Bad Hersfeld über eine „etwas verunglückte Lollsrede“ der Stadtschreiberin oder andere kommunalpolitische Themen entstanden sei, auch in anderen Bereichen: „zum Beispiel wenn Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken, antisemitische Haltungen im linken Spektrum verharmlost werden oder wenn gefordert wird, dass Ärztinnen und Ärzte wegen mangelnder Deutschkenntnisse abgeschoben werden sollen.“
Debatten müssten auch kritisch sein dürfen, betonte der Pfarrer, doch innerhalb eines Rahmens, in dem man sich morgens noch im Spiegel anschauen könne. Kritik an der politischen Lage nahm er dabei ernst: Er spüre Unzufriedenheit mit Blick auf Berlin ebenso wie mit der Versorgung im ländlichen Raum. Menschen kämen aus ihren Dörfern nicht mehr fort, weil der öffentliche Nahverkehr nicht funktioniere oder nur unzureichend ausgebaut sei.
Dennoch wandte sich Jaeger gegen ein übertriebenes Jammern. Im Großen und Ganzen gehe es Deutschland im internationalen Vergleich gut, „das sollten wir uns zwischendurch immer wieder klarmachen“.
Volksfest als Integrationskraft
Das Lullusfest, das alljährlich den Stiftsgründer und Schutzpatron der Stadt, den Heiligen Lullus, ehrt, beschrieb Jaeger als Ort des Zusammenhalts. Er zitierte den Journalisten Ulf Poschardt, der einmal gesagt hatte, das Oktoberfest habe eine große Integrationskraft. Das gelte mindestens genauso für das Lullusfest. Auch als „Hergeloffener“, als Zugezogener aus Gronau in Westfalen, fühle er sich von der Stadtgemeinschaft aufgenommen.
„Zusammen zu feiern, verbindet die Menschen“, sagte Jaeger. Den Lollsfrieden als Idee nannte er fantastisch. Sein Vorbehalt folgte unmittelbar: Es wäre schön, wenn dieser Geist auch während des restlichen Jahres gelebt würde, vor allem in den sozialen Netzwerken.
Warum die Kirche in die Kneipe geht
Die evangelische Kirche kämpft mit Mitgliederschwund und sucht deshalb Menschen dort auf, wo sie sind: in Kneipen, im Friseursalon, am Donnerstag sogar mit einem Gottesdienst im Riesenrad. Auf Skepsis bei Traditionalisten angesprochen, reagierte Jaeger gelassen. Jesus sei ja auch nicht in seiner Kirche sitzen geblieben, sondern zu den Menschen hinausgegangen. Genau das mache seine Gemeinde heute genauso.
Er erzählte von einer Begegnung in einer Kneipe. Ein Paar habe ihn angesprochen: „Wir gehören nicht zu Ihrem Verein, Herr Jaeger, aber wir möchten Ihnen sagen: Das, was Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen machen, beobachten wir und finden wir toll.“ Dass solche Auftritte nicht überall auf Wohlklang stießen, sei nun einmal so. „Damit muss man leben.“
Bier, Punk und die Zehn Gebote auf dem Rummelplatz
Auf die Frage, ob auf einem Rummelplatz nicht einige der Zehn Gebote gebrochen würden, antwortete Jaeger mit Paulus: „Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.“ Wenn der Geist, der auf dem Lullusfest wehe, ein guter sei, dann sei das für alle Christenmenschen fantastisch schön. Rechtfertigungstheologisch formuliere er es so: „Du kannst nichts tun, damit Gott dich weniger liebt. Du kannst auch nichts tun, damit er dich mehr liebt.“
Auch sein eigener Lebensstil, Punkmusik, Fußball, gelegentlich ein Bier mit Freunden, verteidigte er mit Verweis auf Jesus, der mit seinen Freundinnen und Freunden gefeiert habe. Bier sei schließlich „auch das uns von Gott als Gabe geschenkt“ worden, solange der Genuss in Maßen bleibe und niemandem schade.
Was den Heiligen Lullus wirklich ärgern würde
Mit einem Lachen beantwortete der Pfarrer die Frage, was der Schutzpatron vom heutigen Fest halten würde. Lullus wäre sicher erstaunt über das Geblinke, das Bunte und das Laute. Nach zwei, drei Tagen Mitfeiern dürfte er durchaus positive Seiten an dem Treiben entdeckt haben.
Eine Sache allerdings würde ihn ärgern: die „Kirchenpinkler“, die gegen die Stadtkirche pinkeln. Lullus würde sich wünschen, dass sie alle das Klo aufsuchen und die Kirche in Ruhe lassen.
„Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“
Als Bibelwort für das Fest wählte Jaeger Psalm 18,30: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ Sinngemäß bedeute der Vers, dass Gott den Menschen frei mache, sodass er geistig so hoch springen könne, dass er alle Mauern überwinde. Das gelte erst recht im zwischenmenschlichen Miteinander.
Seine Botschaft für die Festtage fiel schlicht aus: „Achtet aufeinander, geht gut miteinander um und achtet darauf, wie und was ihr sagt. Fangt keinen Streit an, genießt dieses Fest und lasst diese Woche voller Fröhlichkeit einfach so geschehen, dass alle etwas davon haben.“
Wer ist Frank-Nico Jaeger?
Frank-Nico Jaeger ist 50 Jahre alt und stammt aus Gronau im Münsterland. Sein Vikariat absolvierte er in Vellmar, anschließend war er als Pfarrer in Tann in der Rhön tätig. Seit 2014 ist er in Bad Hersfeld, wo er die Evangelische Stadt- und Johanneskirchengemeinde in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck leitet. Er ist verheiratet, hat zwei Söhne und hört in seiner Freizeit Musik, darunter Punk, und treibt Sport.
Häufige Fragen zum Lullusfest und Pfarrer Jaeger
Was ist das Lullusfest in Bad Hersfeld?
Das Lullusfest ist ein Volksfest mit christlichen Wurzeln. Es ehrt den Heiligen Lullus, den Stiftsgründer und Schutzpatron der Stadt Bad Hersfeld, und findet alljährlich über eine Woche statt.
Was kritisierte Pfarrer Jaeger im HNA-Gespräch?
Er kritisierte den rauen Ton der Online-Diskussionskultur und forderte mehr öffentliche Empörung über soziale Missstände, etwa ertrinkende Flüchtlinge im Mittelmeer oder antisemitische Haltungen, statt über kommunalpolitische Nebensächlichkeiten.
Wo fand das Interview mit dem Pfarrer statt?
Das Gespräch mit HNA fand in einer Gondel des „Moviestar“-Riesenrads der Schaustellerfamilie Landwermann auf dem Lullusfestgelände in Bad Hersfeld statt.
