Der ukrainische Regisseur Mykyta Gibalenko hat in Venedig seinen Langfilm «Camouflage» vorgestellt. Das Debüt, das in der Reihe «Giornate degli Autori» des Filmfestivals Premiere feierte, erzählt von einem jungen Ukrainer, der 2021, ein Jahr vor dem russischen Überfall, nach München aufbricht. Der Film verbindet sozialrealistische Inszenierung mit poetischen Bildern und fragt, was Zugehörigkeit bedeutet, wenn Krieg die Familie auseinanderreißt.
Worum geht es in «Camouflage»?
Der Protagonist Vitaly, gespielt von Arthur Aliiev, ist 22 Jahre alt, will aus der Ukraine auswandern und zum Studium nach München. Nur seine Schwester Eugenia (Yelyzaveta Tsilyk) weiß von den Plänen. Die beiden verbindet eine gewisse Unangepasstheit: Der eine stottert, die andere ist lesbisch, wie Eugenia selbst lakonisch formuliert. Mehrfach sprechen die Geschwister einen osteuropäischen Kinderreim: «Schienen, Schienen, Schwellen, Schwellen. Ein Zug kommt aus Poltawa.»
In München findet Vitaly über eine Theatergruppe Anschluss, die Aristophanes' Komödie «Die Vögel» probt. Er verändert sein Äußeres, hört auf den Namen «Vito» und stottert auf Deutsch nicht mehr. Der Film verknüpft diese Selbstverwandlung mit wiederkehrenden Bildern von Vögeln über dem Horizont; in einer zentralen Szene wirft Vitaly sein faltiges Sakko aus dem Fenster des Plattenbaus, und es gleitet wie ein schwarzer Vogel durch die Luft. Kameramann Mirko Hans setzt solche Momente neben die nüchterne Alltagsregie.
Autobiografische Grundlage
Gibalenko verarbeitet eigene Erfahrungen. Geboren 1993 in Melitopol in der Südukraine, studierte er Maschinenbau in Kyjiw und zog 2013 nach München, wo er das Studium abschloss. Ab 2019 studierte er Regie an der Hochschule für Fernsehen und Film in München und arbeitete in der freien Theaterszene. Das Drehbuch schrieb er gemeinsam mit Sharyhan Osman.
Krieg, Familie, Bruchlinien
Als Vitalys Mutter und Schwester vor dem Krieg nach München fliehen, prallen in der WG Welten und Wertesysteme aufeinander. Die sowjetisch sozialisierte Mutter sagt, sie habe nicht damit gerechnet, ihre Heimat jemals verlassen zu müssen, und beschreibt damit ein Trauma vieler Kriegsgeflüchteter. Eugenia, die die Ausreisepläne zunächst unterstützte, wirft ihrem Bruder nun vor, er sei jetzt ein guter Europäer. Der Film erwähnt mehrfach, dass mit den Russen ein «Brudervolk» angreift, und zeichnet die Risse im Familiengefüge ohne einfache Antworten.
Bis auf wenige Nachrichtenausschnitte aus dem Kriegsgebiet bleibt «Camouflage» bei Vitaly und seiner Familie und ihrem Versuch, im Auseinanderdriften wieder zusammenzufinden. Wie die Athener bei Aristophanes, die mit den Vögeln ein freies «Wolkenkuckucksheim» errichten wollen, scheitert auch Vitalys kleine Utopie an der Realität. Der Film versinkt dabei nicht im Pessimismus, sondern hält an einem humanistischen Realismus fest.
Warum «Camouflage» relevant ist
Drei Jahre nach dem russischen Überfall auf die Ukraine erzählt der Film von einer Generation, deren Biografien zwischen Auswanderungswunsch und Kriegsrealität zerbrechen. Er verhandelt Migration nicht als Integrationsleistung, sondern als Verlust- und Aushandlungsprozess, in dem auch die Ankommenden mit ihren Traumata Konflikte in die neue Heimat tragen. Für ein Publikum, das die Folgen der Fluchtbewegungen in deutschen Städten erlebt, bietet das Debüt eine der seltenen Erzählungen, die beide Seiten dieses Prozesses ernst nehmen.
Häufige Fragen
Wer hat «Camouflage» gedreht?
«Camouflage» ist das Langfilmdebüt des ukrainischen Regisseurs Mykyta Gibalenko, geboren 1993 in Melitopol. Er schrieb das Drehbuch gemeinsam mit Sharyhan Osman.
Wo feierte der Film Premiere?
Der Film hatte in der Reihe «Giornate degli Autori» im Rahmen des Filmfestivals in Venedig Premiere.
Worum geht es im Film?
Der junge Ukrainer Vitaly verlässt 2021 seine Heimat, um in München zu studieren. Als Mutter und Schwester vor dem Krieg fliehen, prallen in seiner WG unterschiedliche Wertesysteme aufeinander.
