Eine 65-jährige Frau aus Vogt ist nach einer seltenen radikalchirurgischen Operation am St. Elisabethen-Klinikum in Ravensburg tumorfrei. Der Eingriff nach der sogenannten Appleby-Technik fand im Juli 2026 statt, nachdem 15 Monate Chemotherapie den Tumor soweit verkleinert hatten, dass die Ärzte wagten, ein befallenes Arterienstück gemeinsam mit dem Tumor zu entfernen. Rund drei Monate nach der Operation gilt Doris Heldmaier laut Klinik als geheilt, eine weitere Chemotherapie ist vorerst nicht nötig.
Wie die Schwäbische Zeitung berichtet, ist es der erste Eingriff dieser Art am Elisabethen-Klinikum. Das Verfahren wird selbst an großen Universitätskliniken nur selten angewendet. Der Fall zeigt, wie viel eine spezialisierte, wohnortnahe Versorgung für Patientinnen und Patienten mit schwersten Erkrankungen bedeuten kann.
Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs: Eine der gefährlichsten Krebsarten
Doris Heldmaier erfuhr am 10. März 2025, dass sie Bauchspeicheldrüsenkrebs hat. Die gelernte Altenpflegerin und Sozialpädagogin hatte 14 Jahre das Diakonische Institut für Soziale Berufe in Friedrichshafen geleitet und wusste aus beruflicher Erfahrung, wie ernst die Diagnose war. Der Tumor war bereits in umliegendes Gewebe eingewachsen und hatte eine wichtige Schlagader im Oberbauch befallen. Eine herkömmliche Operation kam deshalb nicht infrage.
Bauchspeicheldrüsenkrebs gehört zu den tödlichsten Krebserkrankungen. Die Symptome sind häufig unklar und treten spät auf, weshalb der Tumor oft erst in einem fortgeschrittenen Stadium entdeckt wird. Nur etwa elf Prozent der Patientinnen und Patienten leben fünf Jahre nach der Diagnose noch. Diese Zahl erklärt, warum neue operative Verfahren und eine frühe Erkennung in der Onkologie so dringend diskutiert werden.
Was ist die Appleby-Technik?
Die Appleby-Technik ermöglicht es, bestimmte Bauchspeicheldrüsentumoren zu entfernen, obwohl sie bereits eine lebenswichtige Schlagader befallen haben. Die Chirurgen durchtrennen das Gefäß und entfernen es gemeinsam mit dem Tumor. Das ist nur möglich, wenn Leber und Magen über andere Blutgefäße weiterhin ausreichend versorgt werden können.
„Die Appleby-Operation ist ein komplexer, radikalchirurgischer Eingriff“, erklärte die Ravensburger Chefärztin Karolin Thiel gegenüber der Schwäbischen Zeitung. Sie werde nur angewendet, wenn Patienten einen guten Allgemeinzustand haben, der Tumor keine Metastasen gebildet habe und die Blutversorgung von Leber und Magen über Seitengefäße gesichert sei. „All dies war bei Frau Heldmaier der Fall.“
Vor dem Eingriff mussten die Radiologen Martin Heuschmid und Stephan Heller nachweisen, dass die Leber auch über eine zweite große Schlagader versorgt werden kann. Auf die Untersuchungen allein wollten sich die Chirurgen nicht verlassen, da die natürlichen Umleitungen im Gefäßsystem nicht immer zuverlässig funktionieren. Während der Operation klemmten sie die betroffene Arterie deshalb probeweise ab und kontrollierten mit Ultraschall an der Leberpforte, ob die Durchblutung stabil blieb. Erst danach durchtrennten sie das Gefäß.
Der Verlauf der Operation
Bei Doris Heldmaier fließt das Blut seither teilweise in die entgegengesetzte Richtung. Die Chirurgen entfernten die befallene Arterie mitsamt ihren Verzweigungen, den betroffenen Teil der Bauchspeicheldrüse, die Milz und umliegende Lymphknoten. Ein Fehler bei der Blutversorgung hätte schwerwiegende Folgen für die betroffenen Organe haben können. Unterstützung holte sich Thiel von ihrem früheren Lehrer Alfred Königsrainer, dem ehemaligen Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik Tübingen, der extra aus Südtirol anreiste.
Der Eingriff gelang. Doris Heldmaier ist heute, rund drei Monate später, tumorfrei. „Ich bin dem Tod nochmal von der Schippe gesprungen“, sagte sie. „Es fühlt sich gerade an, als hätte mir jemand ein neues Leben geschenkt. Ich bin einfach nur dankbar, und es ist ungewohnt: Ich kann jetzt langsam wieder größere Pläne schmieden für die Zukunft.“
15 Monate Chemotherapie vor dem Eingriff
Der Operation ging eine lange Behandlung voraus. Nach dem Schock der Diagnose versuchte Heldmaier, ihr Leben so normal wie möglich weiterzuführen. Ihr Mann und ihre beiden Kinder standen ihr zur Seite. „Ich habe versucht, mein Leben weitestgehend normal weiterzuleben“, sagte sie.
Die Chemotherapie vertrug sie ungewöhnlich gut. „15 Monate am Stück, fast ohne Nebenwirkungen“, erzählte sie. „Ab und an bin ich sogar in die Berge zum Wandern gegangen.“ Erst nach dieser Vorbehandlung war der Tumor soweit geschrumpft, dass der riskante Eingriff überhaupt möglich wurde.
Heldmaier wusste, wie viel von der Operation abhing. „Die OP war meine letzte Rettung. Ich wusste, ich hatte nur diese eine Chance“, sagte sie. Ohne die Operation wären ihr nach ihrer Einschätzung noch sechs Monate geblieben, die Alternative wäre eine palliative Chemotherapie gewesen.
Wohnortnahe Versorgung als Faktor der Genesung
Dass die Behandlung in Ravensburg möglich war, war für die Patientin ein zusätzlicher Halt. Sie musste nicht monatelang weit von ihrem Zuhause entfernt in einer Universitätsklinik liegen. Ihr Mann, ihre Kinder und Freunde konnten sie begleiten. Für die frühere Leiterin einer Pflegeschule war das Elisabethen-Klinikum zudem kein unbekannter Ort: Auf den Fluren begegnete sie vor der Operation mehreren ehemaligen Schülern, die dort inzwischen arbeiten.
„Die waren so herzlich, das hat mich riesig gefreut“, sagte Doris Heldmaier. „Und es zeigt auch, dass ich als Lehrerin so viel nicht falsch gemacht haben kann.“
Der Fall unterstreicht aus gesundheitspolitischer Sicht, welche Rolle gut ausgestattete Regionalkliniken spielen. Wenn Häuser wie das Elisabethen-Klinikum Verfahren der Maximalmedizin anbieten und dafür auf Kooperationen mit Universitätskliniken zurückgreifen können, verkürzt das Wege für Patientinnen und Patienten im ländlichen Raum. Menschen mit lebensbedrohlichen Erkrankungen müssen nicht zusätzlich zur Krankheit noch Distanz und Isolation tragen. Das ist kein Detail, sondern ein Qualitätsmerkmal einer solidarisch finanzierten Gesundheitsversorgung.
Wie hoch ist die Überlebensrate bei Bauchspeicheldrüsenkrebs?
Nur etwa elf Prozent der Betroffenen leben fünf Jahre nach der Diagnose noch. Die Erkrankung wird wegen unspezifischer Symptome häufig erst spät entdeckt, wie auch der Bericht der Schwäbischen Zeitung einordnet.
Wann kommt eine Appleby-Operation infrage?
Nur bei gutem Allgemeinzustand, fehlenden Metastasen und gesicherter Blutversorgung von Leber und Magen über Seitengefäße, wie Chefärztin Karolin Thiel erläuterte.
Wie lange dauerte die Behandlung von Doris Heldmaier?
Die Diagnose stellte sich am 10. März 2025. Es folgten 15 Monate Chemotherapie, ehe im Juli 2026 die Operation in Ravensburg erfolgte. Rund drei Monate danach galt sie als tumorfrei.
