Rechtsextreme Angriffe auf NS-Gedenkstätten nehmen drastisch zu
Gedenkstätten in Deutschland verzeichnen eine besorgniserregende Zunahme rechtsextremer Vorfälle gegen Orte des Holocaust-Gedenkens. Eine Umfrage des ARD-Politikmagazins Panorama unter 130 Gedenkstätten zeigt das erschreckende Ausmaß der Entwicklung.
Verdopplung der Vorfälle in Sachsenhausen
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: In der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen hat sich die Zahl der Vorfälle in den letzten Jahren verdoppelt. Dazu zählen rassistische Beleidigungen, das Zeigen des Hitlergrußes, Sachbeschädigungen sowie Hakenkreuz- und israelfeindliche Schmierereien.
Auch die KZ-Gedenkstätte Buchenwald beobachtet einen "Trend von Straftaten sowie Provokationen aus den Reihen junger Besuchender, auch aus Schulklassen heraus". Jugendliche zeigen durch ihre Kleidung ihre rechtsextreme Einstellung.
Politisches Umfeld als Katalysator
"Was sich massiv verändert hat, ist das politische Umfeld, ablesbar am Erstarken der AfD und dem gesellschaftlichen Rechtsruck", analysiert die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten die Ursachen dieser beunruhigenden Entwicklung.
Oliver von Wrochem, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der KZ-Gedenkstätten in Deutschland, bestätigt diese drastische Entwicklung. Neben der Zunahme konkreter Übergriffe habe sich auch die Qualität der Angriffe verändert.
Neue Dimension: Angriffe mit Palästina-Bezug
Seit dem Hamas-Terroranschlag auf Israel am 7. Oktober 2023 hat die Polizei bundesweit mindestens 81 Straftaten gegen Gedenkstätten erfasst, die im Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt stehen. An der KZ-Gedenkstätte Hamburg-Neuengamme sprühten Unbekannte großflächig eine Hamas-Parole an eine Wand.
"Früher hatten wir fast ausschließlich mit rechtsextremistisch motivierten Vorfällen zu tun", erklärt von Wrochem. "Heute gibt es auch linksextremistische Angriffe, insbesondere mit Palästina-Bezug."
Rekordwerte bei Straftaten
Die bundesweite Statistik zeigt alarmierende Zahlen: Mit 352 Taten wurden 2024 die meisten Straftaten gegen Gedenkstätten seit Beginn der einheitlichen Erfassung 2019 gezählt. Eine Umfrage bei den Landeskriminalämtern deutet darauf hin, dass die Zahlen 2025 mindestens auf ähnlichem Niveau bleiben.
Die schwerste Straftat ereignete sich im Februar 2025 am Berliner Holocaust-Mahnmal, wo ein 19-jähriger Syrer mit einem Messer einen Besucher angriff. Der Täter hatte das Mahnmal gezielt aufgesucht, um "Juden zu töten".
Niedrige Aufklärungsquote
Besonders problematisch ist die niedrige Aufklärungsquote von unter zehn Prozent. Bei den meisten Sachbeschädigungen und Propagandadelikten bleiben die Täter unbekannt. Ein positives Beispiel lieferte jedoch Niedersachsen, wo die Polizei anhand von Videoaufnahmen einen Rechtsextremisten überführte, der zum Tatzeitpunkt AfD-Mitglied war.
Widerstand durch verstärktes Interesse
Trotz der Angriffe verzeichnen die Gedenkstätten weiterhin großes Interesse. Die Besucherzahlen bleiben stabil oder steigen sogar. "Viele Menschen gehen bewusst in Gedenkstätten, um ein Zeichen zu setzen, dass diese Orte relevant bleiben", beobachtet von Wrochem.
Diese Entwicklung zeigt, dass das Bewusstsein für die Bedrohung der Gedenkstättenkultur in der Gesellschaft wächst und Menschen aktiv Widerstand gegen die zunehmenden Angriffe leisten.