Dr. Marek Fiałek ist seit vielen Jahren eine zentrale Figur der deutsch-polnischen Zusammenarbeit in Mecklenburg-Vorpommern. Im Gespräch erläutert er, wie die Deutsch-Polnische Gesellschaft durch konkrete Projekte, Sprachkurse und Kulturfestivals die Menschen beiderseits der Oder zusammenführt. Sein Ziel ist eine gemeinsame Region, in der die Grenze im Alltag an Bedeutung verliert.
Die Rolle der Deutsch-Polnischen Gesellschaft
Die Gesellschaft versteht sich als Netzwerk, das über einzelne Veranstaltungen hinausgeht. Mit Sektionen in Schwerin, Rostock, Greifswald, auf Rügen, Usedom und im Raum Pasewalk organisiert sie Lesungen, Konzerte und Begegnungen. Entscheidend ist der Aufbau langfristiger Kooperationen, die aus persönlichem Vertrauen entstehen.
Kultur als Brücke über die Grenze
Ein Beispiel ist die Hanse Sail in Rostock, wo die Gesellschaft Fahrten mit einem polnischen Schiff vermittelte. Gemeinsam mit dem Marschallamt in Stettin wurde die Shanty-Gruppe „Queen Anne's Revenge“ eingeladen. Die Konzerte boten maritime Musik aus Polen und regten Gespräche an. Begleitend informierte deutschsprachiges Material über Radwege und Sehenswürdigkeiten in der polnischen Region.
Die Sprache des Nachbarn als Schlüssel
Ein Schwerpunkt ist die Förderung der „Nachbarsprache“. Seit über 16 Jahren wirbt die Gesellschaft dafür, Polnisch und Deutsch in der Grenzregion zu lernen. Aus dieser Initiative entstanden Projekte mit Fördermitteln in Millionenhöhe. Heute bieten Kitas, Grundschulen und Gymnasien Polnischunterricht an, was vor 15 Jahren kaum denkbar war.
Wachsendes Interesse an Polnisch
Das Interesse ist spürbar. An einer Greifswalder Grundschule meldeten sich rund 160 Kinder für Polnisch, die meisten ohne polnische Wurzeln. Fiałek sieht darin einen Wandel: Die Sprache des Nachbarn zu lernen und nach Polen zu reisen, werde selbstverständlicher. Diese Normalität sei die Basis für eine gemeinsame Region.
Vernetzung und europäische Förderung
Die Gesellschaft vermittelt Kontakte zwischen Vereinen und Institutionen. Nach einer Pause wurde die Pommernkonferenz wiederbelebt, auf der Partner für gemeinsame EU-Anträge gefunden werden. Gerade kleine Vereine profitieren, da sie ohne grenzüberschreitende Partner oft keinen Zugang zu Fördermitteln haben.
Der PolenmARkT als Institution
Der PolenmARkT entstand vor fast 30 Jahren an der Universität Greifswald. Aus studentischen Initiativen entwickelte sich ein Festival, das heute in mehreren Städten wie Schwerin, Rostock und Stralsund stattfindet. Die Gesellschaft nutzt diese Plattform, um Partnerschaften anzubahnen und Projekte zu initiieren.
Begegnungen bauen Vorurteile ab
Gemeinsame Erlebnisse, etwa beim Juwenalia-Festival in Stettin mit rund 30.000 Besuchern, verändern Wahrnehmungen. Die Gesellschaft organisiert Busfahrten und Übernachtungen, damit Menschen aus Deutschland solche Veranstaltungen erleben. Auch Senioren nutzen diese Angebote zunehmend.
Konkrete Kooperationen und Festivals
Ein deutsch-polnisches Jazzfestival in Grodno bei Misdroy wurde mitentwickelt. Musiker beider Länder spielen dort in ungewöhnlichen Konstellationen. Zudem brachte die Gesellschaft ein Filmfestival in Stettin mit einem Dokumentarfilmfestival in Neubrandenburg zusammen, die nun gemeinsame Anträge stellen.
Eine Region im Wandel
Fiałek beobachtet eine wachsende Annäherung. Trotz Rückschlägen wie den Grenzschließungen während der Pandemie kooperieren die Menschen in der Grenzregion kontinuierlich. Arbeit, Studium, Einkäufe und Kultur verbinden den Alltag zunehmend. Die Grenze verliere an Bedeutung, auch wenn sie auf der Landkarte bestehen bleibt.
Informationsdefizite und politische Wünsche
Es fehlen Informationen über die Nachbarregion in der eigenen Sprache. Die polnische Seite biete inzwischen mehr deutschsprachige Angebote. Fiałek fordert unkompliziertere Förderverfahren für kleine Initiativen, da viele Anträge für Ehrenamtliche zu komplex seien.
Zukunftsperspektiven für Vorpommern und Stettin
Die Region „erwacht“ laut Fiałek. Stettin gewinne wieder die Rolle eines Oberzentrums, von dem Vorpommern profitieren könne. Entscheidend sei, dass Politik den Menschen Raum für Begegnungen lässt. Daraus entstünden Vertrauen und Projekte, die eine europäische Grenzregion über ihre Grenze hinauswachsen lassen.
Transparenzhinweis: Die Recherche zu diesem Beitrag wurde durch ein Stipendium der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit ermöglicht und finanziell unterstützt. Die redaktionelle Verantwortung liegt beim Autor.