Lindenfarb meldet vierte Insolvenz an: Betrieb läuft weiter, Investorensuche beginnt
Der Textilveredler Lindenfarb aus Aalen hat zum vierten Mal innerhalb von zehn Jahren die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragt. Nach 2016, 2019 und 2020 sucht das Unternehmen erneut einen Weg aus der Krise. Der Geschäftsbetrieb läuft laut vorläufigem Insolvenzverwalter Ilkin Bananyarli weiter, und für die rund 110 Beschäftigten gibt es eine positive Nachricht: Das Insolvenzgeld für den ersten Monat ist bereits ausgezahlt.
Was bedeutet die Insolvenz für die Beschäftigten?
Nach Angaben der Kanzlei Pluta, die Lindenfarb in dem Verfahren vertritt, läuft der Betrieb wieder planmäßig. Nach anfänglichen verfahrensbedingten Verzögerungen würden sämtliche Aufträge wie gewohnt bearbeitet und die Kunden beliefert, teilte eine Sprecherin mit. Die 110 Beschäftigten seien weiterhin an Bord. Das Amtsgericht hatte am 25. August die vorläufige Insolvenzverwaltung angeordnet und Bananyarli zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt.
Das Insolvenzgeld für den ersten Monat ist genehmigt und ausgezahlt. Bei Bekanntwerden des Antrags hatte Pluta mitgeteilt, die Löhne und Gehälter seien für drei Monate über das Insolvenzgeld der Bundesagentur für Arbeit abgesichert. Die Vorfinanzierung wurde zu diesem Zeitpunkt noch vorbereitet.
Damit ist man einen Schritt weiter als bei der Insolvenz des Jahres 2019: Als Lindenfarb im März 2019 Insolvenz anmeldete, verweigerte die Bundesagentur für Arbeit die Zahlung von Insolvenzgeld. Ihre damalige Begründung: Die erneute Insolvenz sei als Folge des vorherigen Insolvenzverfahrens anzusehen. Das hatte die Sanierung erschwert.
Wer interessiert sich für eine Übernahme?
Parallel dazu sucht Bananyarli nach einem neuen Investor für Lindenfarb. Der Prozess verläuft planmäßig. Die Marktansprache hat begonnen, erste Interessenten haben sich bereits gemeldet, und in Kürze sollen die ersten Vertraulichkeitsvereinbarungen unterzeichnet werden, erklärt er. Wie viele Interessenten es gibt und bis wann konkrete Angebote vorliegen sollen, teilt die Kanzlei nicht mit.
Der heutige Eigentümer übernahm Lindenfarb nach der bislang letzten Krise, nachdem das Aalener Unternehmen im Juni 2020 eine Sanierung in Eigenverwaltung beantragt hatte. Anfang 2021 wurde der Einstieg von Strähle + Hess aus Althengstett bekannt. Seit dieser Sanierung gehört Lindenfarb zu 100 Prozent zu dem Unternehmen. Die Unternehmen hatten bereits zuvor zusammengearbeitet: Lindenfarb galt für Strähle + Hess als wichtigster Partner bei der textilen Ausrüstung.
Strähle + Hess fertigt technische Textilien für den automobilen Innenraum. Mit dem Einstieg bei Lindenfarb kündigten die Nordschwarzwälder Investitionen in die Produktion an, um Effizienz und Produktivität zu steigern. Heute ist der Eigentümer weiterhin auch Kunde der Tochtergesellschaft. Die Mutter werde regulär beliefert, bestätigt die Pluta-Sprecherin.
Welche Folgen hat die Krise für die Muttergesellschaft?
Ob der Insolvenzantrag darüber hinaus Folgen für Strähle + Hess hat, bleibt offen. Zu den Fragen, ob über die Kundenbeziehung hinaus finanzielle Verflechtungen bestehen und ob sich der Eigentümer an einer möglichen Sanierung beteiligt, könne Bananyarli aktuell nichts sagen, teilt die Kanzlei mit. Auch eine erste Einschätzung der langfristigen Fortführungschancen von Lindenfarb gibt der vorläufige Insolvenzverwalter noch nicht ab. Zunächst hatte Bananyarli als Ziel genannt, den Geschäftsbetrieb zu stabilisieren und die vorhandenen Zukunftsoptionen zu prüfen. Inzwischen läuft zumindest die angekündigte Investorensuche.
Warum musste Lindenfarb erneut Insolvenz anmelden?
Als Gründe für den aktuellen Insolvenzantrag nannte Pluta nach Bekanntwerden des Antrags Liquiditätsschwierigkeiten. Dazu hätten unter anderem Auftragsrückgänge infolge der schwierigen gesamtwirtschaftlichen Lage beigetragen. Zugleich seien die Kosten stark gestiegen, beispielsweise für Energie. Zahlen zur aktuellen Auslastung oder zum Umfang der Auftragsrückgänge nennt die Kanzlei nicht.
Schon 2024 hatte Lindenfarb wegen einer schwankenden Auftragslage Kurzarbeit beantragt. Damals arbeiteten noch rund 120 Menschen im Unternehmen. Die IG Metall verwies zu diesem Zeitpunkt insbesondere auf die Abhängigkeit von der Automobilindustrie, die sich bereits seit vielen Jahren in der Krise befindet. Zulieferer wie Lindenfarb stehen deshalb unter großem finanziellem Druck.
Wie geht es nach der dritten Insolvenz weiter?
Die Abhängigkeit von der Autoindustrie hatte Lindenfarb bereits bei der dritten Insolvenz belastet. Während der Corona-Pandemie stoppten oder drosselten wichtige Kunden aus der Automobilindustrie weltweit ihre Produktion. Zuvor hatte sich der Textilveredler noch auf dem Weg aus der Krise gesehen. Der Sanierungsplan von Anfang 2021 sah schließlich den Abbau von rund 120 Arbeitsplätzen vor. Lindenfarb hatte zudem seine Produktionskapazitäten reduziert und das Sortiment gestrafft.
Seinen Stammsitz hat Lindenfarb seit 1952 in Unterkochen. Das Unternehmen veredelt technische Textilien für die Automobilindustrie sowie für Luft- und Raumfahrt, Medizin, Industrie, Bau und Bekleidung. Zum Leistungsspektrum gehören unter anderem das Färben, Bleichen, Waschen, Reinigen und Beschichten von Textilien.
Die wiederholte Insolvenz wirft Fragen nach der Nachhaltigkeit des bisherigen Sanierungskurses auf. Die Abhängigkeit von einem einzigen Wirtschaftszweig erweist sich erneut als zentrales Risiko. Für die Beschäftigten bleibt die Lage angespannt, auch wenn das Insolvengeld zunächst gesichert ist. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob sich ein Investor findet, der eine langfristige Perspektive bietet.