Die ehrenamtlichen Igel-Pflegestellen in Kassel und im umliegenden Kreis haben Ende Oktober 2026 einen Aufnahmestopp verhängt. Wie die HNA berichtet, sind die Kapazitäten der Igelstation Kassel und des Vereins Igel-in-Not Kreis Kassel erschöpft, weil bundesweit auffällig viele unterernährte Jungigel gefunden werden.
Carola Faust von der Igelstation Kassel beschreibt die Lage unmissverständlich: „Sämtliche Päppelplätze sind belegt. Da geht nichts mehr. Wir sind alle am Limit.“ Ihr Verein versorge aktuell etwa 24 Igel, verteilt auf verschiedene Mitglieder. Das Telefon klingle pausenlos.
Warum so viele Jungigel in Not geraten
Nach Fausts Wahrnehmung haben viele Igel-Weibchen in diesem Jahr erst spät geworfen. Die Jungtiere hätten dadurch zu wenig Zeit gehabt, sich ausreichend Fettreserven für den Winterschlaf anzufressen. Jungigel gehen ohnehin später in den Winterschlaf als ausgewachsene Tiere, teils erst Anfang Dezember. Um zu überleben, sollten sie dann rund 600 Gramm wiegen.
Ein Igel, der Ende Oktober nur 200 Gramm auf die Waage bringt, ist deutlich zu leicht. „Im November ist es schwierig für Igel, noch zuzunehmen, weil die Nächte schon deutlich kälter sind“, sagt Faust. Auch andere Medien bestätigen den Trend: Wie die Welt berichtet, sind Igelpflegen in diesem Herbst verstärkt überlastet und es sei schwierig, überhaupt noch einen freien Platz zu bekommen. Der Sender n-tv zitiert eine Igelpflegerin mit den Worten, es herrsche derzeit „Hochbetrieb“.
Ein Einzelfall aus Bad Wilhelmshöhe
Antje Leidner, 62 Jahre alt, fand am Mittwochabend bei einem Spaziergang in Bad Wilhelmshöhe nahe dem Naturschutzgebiets Marbachsgraben drei Jungigel im Laub. Ihr Hund hatte die Tiere erschnüffelt. „Mir ist aufgefallen, dass sie sehr klein sind, deshalb habe ich sie mitgenommen“, sagt die Kasselerin. Alle drei wogen unter 200 Gramm, ein ausgewachsenes Muttertier war nirgends zu sehen.
Weil keine Station aufnehmen konnte, entschied sich Leidner, die Tiere selbst zu pflegen. Die drei Igel, die sie Anna, Lena und Baerbock getauft hat, leben inzwischen auf ihrem Dachboden. Genau diese Eigeninitiative ist nach Ansicht von Carola Faust der einzige realistische Weg: „Nur so hat der Igel eine Chance.“
Verein Igel-in-Not: 130 Pflegeigel, 60 Anrufe an einem Montag
Stephan Krüger, einer der beiden Vorstandsvorsitzenden des Vereins Igel-in-Not Kreis Kassel, bestätigt den Aufnahmestopp auch für seinen Verein, der derzeit rund 130 Pflegeigel betreut. Der Verein berate Anrufende weiterhin, wie sie gefundene Igel selbst versorgen können, unter der Telefonnummer 01573/7045347. Weil alle Mitglieder Ehrenamtliche sind, könne er nicht garantieren, dass jeder Anruf angenommen wird. „Am Montag waren es zum Beispiel etwa 60 Anrufe. Gefühlt klingelt das Handy im Fünf-Minuten-Takt.“
Krüger kritisiert zudem ein Verhalten, das er für inakzeptabel hält: Menschen stellen gefundene Igel ohne vorherige Absprache in einer Box vor seiner Haustür ab. „Das ist eine totale Sauerei, sich so der Tiere zu entledigen“, sagt der 38-Jährige. Ein solches Vorgehen sei gefährlich, weil im Krankheits- oder Urlaubsfall keine Garantie bestehe, dass das Tier gefunden wird. Es könne unter Umständen sogar strafbar sein und etwa Geldstrafen nach sich ziehen.
Erste Hilfe für gefundene Igel
Für die erste Versorgung empfehlen Carola Faust und Stephan Krüger folgende Schritte:
- Unterkunft: Ein mit Zeitungspapier ausgelegter Karton oder Käfig bietet Unterschlupf, dazu eine Versteckmöglichkeit wie ein Schuhkarton mit einem Loch als Eingang.
- Trinken: Igel trinken Leitungswasser. Für Jungigel kann ungesüßter, lauwarmer Fenchel-Tee den Magen beruhigen.
- Essen: Hochwertiges Katzenfutter ohne Gelee und mit hohem Fleischanteil ist geeignet, ebenso Rührei oder ein gekochter Hähnchenschenkel. Das Futter darf nicht gewürzt werden.
Für die langfristige Versorgung berät der Verein Igel-in-Not Kreis Kassel unter der genannten Nummer. Ein Tierheim oder ein Pflegedienst im engeren Sinne kommt für Igel nicht infrage; zuständig sind spezialisierte ehrenamtliche Strukturen wie die in Kassel gelisteten Pflegedienste und Vereine.
Was jetzt zu tun ist
Der Appell der Pflegenden ist eindeutig: Wer einen sichtbar zu leichten oder hilflosen Igel findet, sollte die Tiere nicht vor fremden Türen ablegen, sondern sich informieren und die Pflege selbst übernehmen. Die ehrenamtlichen Strukturen in Kassel arbeiten inzwischen an ihrer Kapazitätsgrenze; jede zusätzliche, sachgerecht gepflegte Igelrettung entlastet das System. Die zuständigen Kontrollbehörden, etwa das Veterinäramt des Landkreises Kassel, greifen bei tierschutzwidrigem Verhalten ohnehin ein, wie ein aktueller Fall mit sechs Pferden zeigt, die ihrem Halter weggenommen wurden.
Häufige Fragen zu Igeln im Herbst
Ab welchem Gewicht braucht ein Jungigel Hilfe?
Jungigel sollten vor dem Winterschlaf etwa 600 Gramm wiegen. Tiere unter 300 Gramm, die spät im Herbst gefunden werden, schaffen den Winter nach Angaben der Kasseler Pflegestellen in der Regel nicht ohne Hilfe.
Kann ein Igel im November noch zunehmen?
Nach Angaben von Carola Faust ist das schwierig, weil die Nächte bereits deutlich kälter sind und die Tiere weniger Nahrung finden.
An wen wende ich mich in Kassel?
Der Verein Igel-in-Not Kreis Kassel berät unter der Telefonnummer 01573/7045347 zur Versorgung gefundener Igel. Beide Kasseler Stationen nehmen derzeit keine neuen Tiere auf.
