Jugendwort des Jahres: Wenn Verlag und Polizei die Jugendsprache zensieren
Der Langenscheidt Verlag hat den Begriff „Mehrzweckeier“ aus den Top 10 des Jugendwortes des Jahres gestrichen. Grund sei eine angebliche Kampagne und persönliche Beleidigung. Doch der Fall wirft ein Schlaglicht auf ein grundsätzliches Problem: Jugendsprache wird politisch instrumentalisiert und dann zensiert, wenn sie unbequem wird.
Was ist passiert?
Der Begriff „Mehrzweckeier“ stammt aus einer satirischen Kritik an Bundeskanzler Friedrich Merz und der Wehrpflichtreform. Ein Schüler hatte auf einer Anti-Wehrpflicht-Demo im März ein Plakat mit der Aufschrift „Merz leck Eier“ getragen. Die Polizei beschlagnahmte das Plakat und leitete Ermittlungen wegen des Anfangsverdachts der „üblen Nachrede und Verleumdung gegen Personen des politischen Lebens“ ein. Der Begriff schaffte es dennoch in die Top 10 der Vorschläge für das Jugendwort des Jahres, wurde aber vom Verlag nachträglich gestrichen.
Warum ist das problematisch?
Jugendsprache ist nie unpolitisch. Sie spiegelt die Realität junger Menschen wider, ihre Ängste, ihre Kritik und ihre Lebenswelt. „Mehrzweckeier“ ist ein Beispiel dafür, wie Jugendliche politische Entscheidungen, die sie direkt betreffen – wie die verpflichtende Musterung – satirisch verarbeiten. Der Verlag hingegen scheint sich nur mit harmloser Jugendkultur schmücken zu wollen. „Da der Begriff auf eine Kampagne zurückgeht“, heißt es zur Begründung, „und gleichzeitig auf einer persönlichen Beleidigung beruht.“ Doch diese Argumentation ist fragwürdig.
Ein Fall von Zensur?
Der Fall zeigt eine beunruhigende Tendenz: Jugendliche, die ihr demokratisches Grundrecht auf Meinungsäußerung nutzen, werden blockiert – sei es durch die Polizei oder durch einen Verlag. „Wir haben als Erwachsene versagt“, kommentiert ein Beobachter. „Jugendliche müssen geliebt und unterstützt werden, wenn sie sich politisch engagieren.“ Ohne politische Jugendkulturen gäbe es etwa keinen HipHop und damit auch nicht das Jugendwort „Swag“ (2011).
Was bedeutet das für die Zukunft?
Der Wettbewerb zum Jugendwort des Jahres ist ohnehin umstritten. Kritiker werfen dem Verlag vor, ihn vor allem aus PR-Zwecken zu nutzen. Wenn aber politisch unbequeme Begriffe ausgeschlossen werden, verliert der Wettbewerb seine Glaubwürdigkeit. Jugendliche sollten selbst entscheiden, welche Wörter ihre Realität abbilden – nicht ein Verlag oder die Polizei.
FAQ: Häufig gestellte Fragen
Warum wurde „Mehrzweckeier“ gestrichen?
Der Langenscheidt Verlag begründet die Streichung damit, dass der Begriff auf eine Kampagne zurückgehe und eine persönliche Beleidigung enthalte. Kritiker sehen darin eine Zensur politischer Jugendsprache.
Was ist der Hintergrund des Begriffs?
Der Begriff stammt von einem Schüler, der auf einer Anti-Wehrpflicht-Demo ein Plakat mit „Merz leck Eier“ trug. Die Polizei beschlagnahmte das Plakat und leitete Ermittlungen ein.
Ist Jugendsprache immer politisch?
Ja, Jugendsprache ist im weiteren Sinne immer politisch, da sie die Lebenswelt und Kritik junger Menschen widerspiegelt. „Mehrzweckeier“ ist ein besonders deutliches Beispiel dafür.
Wie wird das Jugendwort des Jahres gewählt?
Jugendliche können Vorschläge einreichen. Eine Jury wählt die Top 10, die dann von Susanne Daubner in der Tagesschau verlesen werden. Die Allgemeinheit kann online abstimmen.