Italien hat die fristgerechte Auszahlung des größten EU-Förderpakets der Geschichte abgeschlossen: Bis zum 30. Juni 2026 musste das Land 194,4 Milliarden Euro aus dem Coronafonds „Next Generation EU“ investieren. Wie die taz.de in einer ausführlichen Reportage aus der Emilia-Romagna zeigt, ist die Bilanz zwiespältig: Sichtbare Erfolge stehen neben überlasteten Verwaltungen, fraglicher Nachhaltigkeit und offenen Fragen zur Transparenz.
Der Nationale Wiederaufbau- und Resilienzplan (PNRR) lief vom 13. Juni 2021 an mit einer Laufzeit von exakt fünf Jahren. Italien erhielt von allen EU-Staaten das größte Paket; zum Vergleich: Der Marshallplan sah für ganz Europa inflationsbereinigt weniger als 160 Milliarden Euro vor. Insgesamt umfasste der PNRR knapp 300.000 Projekte im ganzen Land.
Campolo: 20 Millionen Euro für ein Bergdorf
Der Ort Campolo in den Bergen der Emilia-Romagna, gut eine Autostunde von Bologna entfernt, zeigt, wie konkret die Gelder wirken. Das Kulturministerium stellte in jeder italienischen Region einem Bergdorf 20 Millionen Euro zur Verfügung, mit dem erklärten Ziel, die kleinen Altstadtkerne, die „borghi“, wiederzubeleben. In Campolo wurden elf Immobilien erworben und saniert; daraus entstanden Ferienwohnungen, eine Jugendherberge, eine Trattoria und ein Kulturzentrum.
Die 27-jährige Ilenia degli Esposti eröffnete dort im Herbst die Trattoria ihrer Großmutter wieder, nachdem das Lokal 15 Jahre geschlossen war. Die Eröffnung wurde, wie sie es beschreibt, zu einem emotionalen Abend: „Manch einer hatte Tränen in den Augen.“ Die Reservierungen reichen bis Mitte November.
Die offenen Fragen sind gleichwohl offensichtlich. Campolo ist ohne eigenes Auto kaum zu erreichen; die Gemeinde kaufte einen E-Bus für einen Pendelservice, doch nach dem offiziellen Ende des Fonds fehlt das Geld für eine Fahrkraft. Auch die Projektbetreuung ist ungesichert: Der Vertrag der Projektverantwortlichen Joanna Soroko lief Ende August aus. „Am 30. Juni haben alle gesagt: ‚Es ist vorbei.' Aber jetzt wird's erst wirklich spannend“, sagte sie.
Wie Kommunen mit der Geldflut umgingen
Bologna setzte Projekte im Wert von rund 780 Millionen Euro um, wie Stadträtin Anna Lisa Boni, zuständig für EU-Fördermittel, erläuterte. Sie nannte den Fonds ein „Geschenk des Himmels“, räumte aber ein: „Wir sind durchgedreht.“ Kleinere Gemeinden hatten es deutlich schwerer. Grizzana Morandi mit 4.000 Einwohnern und 21 Verwaltungsangestellten bewirtschaftete Zuschläge von knapp 21 Millionen Euro, rechnerisch eine Million pro Beschäftigtem. „Die Gemeinde war es nicht gewohnt, mit so viel Geld umzugehen“, sagte Soroko.
Manche Kommunen verzichteten ganz auf Mittel. Ozzano dell'Emilia beantragte keine Gelder für Hochwasserschäden, weil geeignete Firmen fehlten, die die Projekte innerhalb der EU-Frist umsetzen konnten, wie Stadtrat Fabio Lanzarini erklärte. Externe Berater, die namentlich nicht genannt werden wollten, berichteten von „erdrückendem“ Bürokratieaufwand und Burn-out-Erlebnungen bei Verwaltungsangestellten. Das Begleitprogramm „1.000 Experten“ sei gescheitert: Lebensläufe seien unzureichend geprüft worden, die Expertise passte nicht zur Nachfrage. Boni ergänzte, sie hätte lieber eigenes Personal eingestellt.
Hochwasser als Belastungsprobe
Im Mai 2023 traf eine historische Flut die Region; 17 Menschen starben, der Schaden wurde auf knapp neun Milliarden Euro geschätzt. Der Aufbaufonds sah Mittel für solche Notfälle ursprünglich nicht vor. Nach einer Anpassung gab Italien Gelder für Notfallmaßnahmen frei, wie Boni bestätigte: „Wir haben zwar Geld erhalten, aber nicht viel, und zudem erst im Laufe des Projekts.“ Bologna erneuerte mit 600.000 Euro die zerstörte Via del Paleotto, die nach zwei Hochwassern erst in diesem Jahr wieder für den regulären Verkehr freigegeben wurde. Lanzarini wies darauf hin, dass Wetterereignisse mit zuvor angenommener Wiederkehrperiode von 50 bis 100 Jahren innerhalb von zwei Wochen eintraten; Prävention brauche Projektlaufzeiten von mindestens zehn Jahren, so ein Berater, der Fonds war jedoch auf fünf Jahre ausgelegt.
Transparenz und die Bilanz der Regierung Meloni
Die gemeinnützige Stiftung openpolis, die eine öffentliche Datenbank zum Aufbaufonds betreibt, stellte Ende September fest, es gebe weiterhin „viele Projekte, zu denen keine Informationen vorliegen“. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni wiederholt seit Jahren, Italien liege bei Next Generation EU „auf dem ersten Platz“. Das stimmt nur unter einem Gesichtspunkt: Italien erhielt den größten Betrag. Bei Projektfortschritten und tatsächlich ausgezahlten Raten lag das Land nach den vorliegenden Daten meist nicht vorn. Zum offiziellen Endtermin am 30. Juni 2026 blieb ein umfassender Abschlussbericht aus.
Die wirtschaftliche Gesamtbilanz fällt gedämpft aus. Wie die WirtschaftsWoche in ihrer laufenden Berichterstattung
