Der brasilianische Senat hat am Mittwoch, dem 14. Oktober 2026, mit nur einer Gegenstimme eine Verfassungsänderung beschlossen, die die gesetzliche Höchstarbeitswoche von 44 auf 40 Stunden senkt. Der Lohn bleibt unverändert, und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erhalten künftig zwei freie Tage pro Woche. Nach Regierungsangaben profitieren mehr als 37 Millionen Beschäftigte von der Reform, die Unternehmen 14 Monate Zeit zur Umsetzung erhalten.
Die Entscheidung fällt zehn Tage vor der Stichwahl um die Präsidentschaft am 25. Oktober. Sie gilt, wie Deutschlandfunk berichtet, als bedeutendster parlamentarischer Erfolg von Präsident Luiz Inácio Lula da Silva in dieser Wahlkampfphase.
Was beschließt die Reform im Einzelnen?
Die Verfassungsänderung beendet das in Brasilien verbreitete System, bei dem sechs Arbeitstage auf einen freien Tag folgen. Künftig gilt eine Fünf-Tage-Woche mit zwei bezahlten Ruhetagen. Das Verfahren war ungewöhnlich: Wie Infobae und die Zeitung Le Monde übereinstimmend berichten, fanden beide Abstimmungen in derselben Senatssitzung statt, was das politische Gewicht des Votums unterstreicht.
Die Reform gilt nicht für Selbstständige und Personen ohne regulären Arbeitsvertrag. Betroffen sind also vor allem formal beschäftigte Arbeiter und Angestellte, nicht jedoch der informelle Sektor, der in Brasilien einen erheblichen Teil der Erwerbstätigen umfasst.
Warum ist die Reform ein Erfolg für Lula?
Lula sprach unmittelbar nach dem Votum von einem historischen Erfolg. Sein Herausforderer in der Stichwahl, der rechtspopulistische Senator Flávio Bolsonaro, Sohn des ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro, hatte die Reform lange abgelehnt, stimmte aber schließlich zu. Er wollte sich dem Votum vermutlich nicht aussetzen, kurz vor einer Entscheidung, in der die arbeitende Mittelschicht und die gewerkschaftlich organisierte Basis eine Rolle spielen.
Für Lula ist die 40-Stunden-Woche eine Rückkehr zu klassischen sozialdemokratischen Themen: Verteilung von Zeit, nicht nur von Geld. Die Reduzierung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich ist ein redistributives Instrument, das unmittelbar in die Lohnsumme der Unternehmen eingreift und die Arbeitnehmerseite stärkt. In Deutschland wird eine ähnliche Debatte seit Jahren unter der Überschrift Vier-Tage-Woche geführt, allerdings ohne verfassungsrechtliche Absicherung.
Was bedeutet das für Bolsonaros Kurs?
Die Zustimmung Flávio Bolsonaros deutet auf eine strategische Kalkulation. Ein offenes Nein hätte ihm in der Stichwahl geschadet, ein Ja kostet ihn wenig, da die Reform ohnehin beschlossene Sache war. Gleichzeitig zeigt das Votum, dass selbst der rechte Flügel Brasiliens arbeitsrechtliche Zugeständnisse nicht mehr offen blockieren kann, wenn die öffentliche Meinung deutlich dagegen steht.
Die Stichwahl am 25. Oktober wird dennoch weiterhin als Duell zwischen einem sozialpolitisch agierenden Präsidenten und einem rechtsgerichteten Herausforderer ausgetragen, der im Wahlkampf auf Sicherheits- und Ordnungsthemen setzt.
Wie geht es in Brasilien weiter?
Die Unternehmen haben 14 Monate Zeit, die neuen Regelungen umzusetzen. In dieser Übergangsphase werden Gewerkschaften und Arbeitsgerichte darüber wachen, ob die Umsetzung tatsächlich bei vollem Lohnausgleich erfolgt. Erfahrungsgemäß entstehen in solchen Übergangsphasen Konflikte über Mehrarbeit, Vergütung und betriebliche Personalplanung.
Für die internationale Debatte über kürzere Arbeitszeiten ist Brasiliens Entscheidung ein starkes Signal. Ein Schwellenland mit mehr als 200 Millionen Einwohnern senkt die Arbeitszeit verfassungsrechtlich und setzt damit einen Maßstab, den europäische Länder bislang nicht erreicht haben.
Häufige Fragen
Wie viele Stunden gilt künftig als Höchstarbeitszeit in Brasilien?
Die gesetzliche Höchstarbeitszeit sinkt von 44 auf 40 Wochenstunden, bei unverändertem Lohn.
Wer profitiert von der Reform?
Nach Regierungsangaben mehr als 37 Millionen Beschäftigte. Selbstständige und Menschen ohne regulären Arbeitsvertrag sind ausgenommen.
Wann tritt die Reform in Kraft?
Unternehmen haben 14 Monate Zeit für die Umstellung auf die 40-Stunden-Woche mit zwei freien Tagen pro Woche.
