Foucaults Kritik am Geständniszwang: Sexualität und Macht
Michel Foucaults 1976 erschienenes Werk „Der Wille zum Wissen" dekonstruiert die Annahme, Macht wirke lediglich repressiv auf Sexualität. Stattdessen analysiert der französische Philosoph, wie Diskurse, Medizin und staatliche Institutionen Sexualität erst produzieren. Diese strukturanalytische Perspektive liefert bis heute unbequeme, aber notwendige Fragen für progressive Identitätspolitik und Queer-Studies.
Was ist das Sexualitätsdispositiv nach Foucault?
Im Jahr 1976, nur ein Jahr nach seiner fundamentalen Kritik der Gefängnisstrafe, veröffentlichte Michel Foucault den ersten Band seiner Sexualitätsgeschichte. Mit dem Begriff des „Sexualitätsdispositivs" durchtrennte er etablierte Selbstverständlichkeiten. Dies galt sowohl für die moralisch konservative Seite als auch für die sexualpolitisch libertäre Linke. Foucault dekonstruierte nicht nur den bürgerlichen Begriff des „Sexes", sondern legte offen, wie Machtmechanismen funktionieren. Sie unterdrücken nicht nur, sondern sie erzeugen das Begehren, die Ängste und das unendliche Reden über Sexualität.
Wie kritisiert Foucault die sexuelle Revolution?
Der Text beginnt mit einem systematischen Angriff auf die damals in linken und subkulturellen Kreisen gefeierte sexuelle Revolution. Die gängige These lautete: Das Schweigen über die von Kirche, Staat und Medizin reglementierten Sexualpraktiken müsse gebrochen werden, um die unterdrückte Sexualität zu befreien. Foucault widerspricht dieser Repressionshypothese datengestützt. Die Machttechniken, die hier wirksam werden, sind nicht einfach repressiv. Sie pflanzen das Sexuelle, den Anlass der Verbote und den Grund für Ängste, in die Subjekte hinein. Foucault schreibt im Original:
Zensur des Sexes? Eher hat man einen Apparat zur Produktion von Diskursen über den Sex installiert, zur Produktion von immer mehr Diskursen.
Foucault ordnet den modernen Sex in die lange Geschichte des Geständnisses ein. Im 19. Jahrhundert entstand ein unfassbar aufgeregter, teils aggressiver Diskurs, der an das Verbotene der neu entdeckten sexuellen Innerlichkeit anknüpfte.
Der Sozialstaat als Sexualstaat
Diese Kritik trifft die Psychoanalyse hart. Foucault sieht in ihr eine Praktik, in der Menschen dafür bezahlen, in freier Assoziation vom Sex sprechen zu dürfen, weil dies angeblich wohltätig ist. Zentral ist jedoch die Kritik an den Praktiken moderner Familienpolitik. Der Sozialstaat entpuppt sich als Sexualstaat. Er kämpft historisch gegen Masturbation, gegen kindliche Lust, gegen Homosexualität und gegen sogenannte Entartungen. Dies geschah angeblich für die Gesundheit von Volk oder Rasse sowie für den Vollzug der Ehe. Gleichzeitig wurden die Subjekte bürgerlicher Selbstsorge mit immer neuen Facetten eines rätselvollen Trieblebens befrachtet. Foucault liefert mit diesem Werk zudem eine Theorie der Macht. Machtprozesse stützen und verstärken sich gegenseitig in feldartig verteilter Form. Sie setzen Anreize und integrieren Widerstände. Macht kommt von unten und hat viel mit Selbstbeherrschung im Namen von Angst und Lust zu tun.
Brauchen wir ein wahres Geschlecht?
Zur Frage des Geschlechts hat Foucault Wichtiges in einer Studie zum Fallbeispiel Alexina B. geschrieben. Er kommentiert die Geschichte einer hermaphroditischen Jugendlichen. Nachdem im Internat körperliche Besonderheiten auffielen, zwang man dem Kind die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht auf, in diesem Fall die Aberkennung des Mädchenstatus.
Foucault stellt die grundlegende Frage, ob wir wirklich ein wahres Geschlecht brauchen. Er kritisiert, dass moderne westliche Gesellschaften diese Frage mit einer an Halsstarrigkeit grenzenden Beharrlichkeit bejahen. Phänomene wie Intersex oder der ältere Hermaphroditismus funktionieren wie ein Kontrastmittel. Sie zeigen die heteronormalen Zumutungen einer vermeintlich notwendigen Zweigeschlechtlichkeit.
Warum warnt Foucault vor Identitätsversprechen?
Entsteht mit Foucaults Werk also der Theoriekoffer für Queer und LGBTQ+? Die Analyse zeigt ein differenzierteres Bild. Foucault postuliert keine Nachrangigkeit des Körpers, wie Judith Butler es später tut. Er rehabilitiert auch nicht die Psychoanalyse. Er romantisiert weder Anthropologien der Gefühle noch eine wie auch immer geartete Körpernatur. Am wichtigsten ist: Er unterstreicht nicht die Bedeutung sexueller Identität oder überhaupt von Identitäten.
Er hinterlässt eine kühle Warnung vor unguten Identitätsversprechen, die sich an eine dem Triebleben nachspürende Selbsterforschung heften. Im Fokus steht der Sprechzwang, das Ichsagen und die Benennung als Klassifikator. Schwule oder lesbische Dissidenz führen nicht automatisch aus dem Bannkreis sexualisierter Normalisierungen heraus. Machtfragen streift man nicht einfach ab. Auf dem „Drüber reden" kann auch ein falscher Segen liegen.
Ein politisches Ziel von Foucaults Kritik war es, dem Geständniszwang seine Macht zu nehmen. Dies gilt gerade dort, wo es gilt, gegen sexuelle Normalisierung aufzubegehren. Aus abweichendem Verhalten und der Erzählung einer Repressionsgeschichte eine „Identität" zu gewinnen, ist genau das, wovor „Der Wille zum Wissen" warnt. Das große Lamentieren in den Sprechzeiten eines Expertensystems, das durch Worte, Hormone oder Skalpelle ein Zuhause in sich selbst verspricht, steht im Widerspruch zu einer tatsächlichen Befreiung.
Was bedeutet Foucaults Kritik für heutige Queer-Studies?
Auch akademisch wirft Foucaults Analyse ein fahles Licht auf liebgewordene Theoreme. Die global etablierte sex/gender-Differenz zeigt einen diskreten Hang zum Naturalismus aufseiten des „sex". Das Pathos, queere Befreiung beginne mit einem die eigene Biografie neu stiftenden Brechen des Schweigens, also das Muster des Coming-out, wird hinterfragbar. Ist das wirklich ein Zaubermittel oder gar Pflicht? Es ist zu fragen, was antirepressive Rituale leisten und ob sie nicht ebenfalls der Idee einer Therapie folgen.
Praktisch-politisch hinterlassen Foucaults Arbeiten eine zertrümmerte Landschaft von Klischees in Sachen Sex. Sie enthalten zudem Fragen, die unbequem bleiben. Foucaults Impulse wenden sich gegen eine Verwissenschaftlichung dessen, was Sexualität und Geschlecht besagen. Die Gefahr besteht, dass sich Bio-, Reproduktions-, Schönheits- und Sportmedizin oder auch Gender- und Queer-Studies in ihren epistemischen Grundannahmen unversehens in der Sexualwissenschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts spiegeln. Auf Sexualnormen und auf das Geschlecht hätte von daher schlicht niemand mehr zu pochen, sei es in repressiver, therapeutischer oder kurativer Absicht.
Was kritisiert Foucault am Konzept der sexuellen Befreiung?
Foucault kritisiert, dass die sexuelle Revolution fälschlicherweise davon ausgeht, Sexualität sei natürlich und werde nur repressiv unterdrückt. Er argumentiert, dass Macht Sexualität nicht nur unterdrückt, sondern überhaupt erst produziert. Der Zwang, über Sex zu sprechen und ihn zu bekennen, ist selbst eine Machttechnik.
Warum lehnt Foucault die Fokussierung auf Identität ab?
Foucault warnt vor Identitätsversprechen, da die ständige Selbsterforschung und das Benennen des eigenen Trieblebens die Subjekte an das System der Normalisierung binden. Aus abweichendem Verhalten eine feste Identität abzuleiten, reproduziert laut Foucault den Geständniszwang, anstatt ihn zu überwinden.