Cosmo-Radio eingestellt: ARD vergrößert Repräsentationslücke
Der Beschluss steht fest, doch der Widerstand wächst. Die ARD stellt das interkulturelle Programm Cosmo ein. Kritiker sehen den öffentlich-rechtlichen Auftrag zur Inklusion gefährdet und mahnen eine umfassende Repräsentation an.
Die Streichpläne und der öffentliche Auftrag
Die ARD steht unter enormem finanziellen Druck. Die Rundfunkanstalten müssen Sparmaßnahmen umsetzen, die zu Programmkürzungen und Stellenabbau führen. Gleichzeitig obliegt dem öffentlichen Rundfunk der gesetzliche Auftrag, Vielfalt abzubilden und gesellschaftliche Gruppen sichtbar zu machen, die im kommerziellen Markt oft unterrepräsentiert sind. An diesem Widerspruch entzündet sich die aktuelle Debatte um das Aus von Cosmo.
Seit der Rundfunkratssitzung am 3. Juni ist beschlossen, dass der Sender nächstes Jahr in seiner jetzigen Form eingestellt wird. Das deutlich reduzierte Angebot 1Live Street soll ihn ersetzen. Mit Cosmo verschwinden auch die digitalen Kanäle, darunter ein Instagram-Account mit über 100.000 Followern. Wie die dort produzierten Inhalte weiter genutzt werden, ist bislang unklar.
Cosmo war ein Gemeinschaftsprojekt von WDR, Radio Bremen und RBB. Die Redaktionen in Köln, Berlin und Bremen vereinten Journalistinnen und Journalisten aus mehr als 20 Herkunftsländern. Das Programm richtete sich gezielt an ein internationales Publikum und verankerte migrantische sowie queere Perspektiven fest im öffentlich-rechtlichen Angebot.
Weniger Budget, weniger Vielfalt?
Aus wirtschaftlicher Sicht rechtfertigt die ARD die Entscheidung mit den Quoten. Laut der Media-Analyse 2026 Audio I erreichte Cosmo lediglich eine Reichweite von 0,3 bis 0,4 Prozent. Ähnliche Werte weisen jedoch auch MDR Schlagerwelt und Deutschlandfunk Nova auf.
WDR-Programmdirektorin Andrea Schafarczyk verteidigte die Pläne gegenüber dem Katholischen Nachrichtendienst KNA. Das Angebot stamme aus einer völlig anderen Zeit, so Schafarczyk. Die Mediennutzung habe sich verändert, weshalb man Menschen unterschiedlicher Herkunft künftig mit passgenaueren Formaten erreichen wolle. Zudem sollen interkulturelle Themen stärker in junge Programme integriert werden.
Genau an dieser Stelle setzt die Kritik an. Es bleibt unklar, wie ein kleineres Angebot mit weniger Budget die gleiche Vielfalt abbilden soll. Eine erkennbare Alternative zu einem bundesweiten Programm, das migrantische Perspektiven ins Zentrum stellt, fehlt bisher.
Breiter Widerstand aus Zivilgesellschaft und Kultur
Der Widerstand gegen die Streichung ist beträchtlich. Bereits im vergangenen Jahr forderten rund 300 Prominente, darunter Fatih Akin und Herbert Grönemeyer, den Erhalt von Cosmo. Inzwischen haben mehr als 100.000 Menschen eine Petition unterzeichnet.
Die Neuen Deutschen Medienmacherinnen und Medienmacher veröffentlichten einen offenen Brief, den über 500 Organisationen unterstützen. Zu den Unterzeichnern zählen große migrantische Dachverbände, die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union dju, das Grimme-Institut und der Deutsche Musikrat.
Mehr als ein Viertel der Menschen in Deutschland hat eine Migrationsgeschichte. Für diese Communitys ist Cosmo kein Nischenprogramm.
Fällt Cosmo weg, schrumpft ein medialer Raum, der angesichts gesellschaftlicher Polarisierung und eines erstarkenden Nationalismus dringender gebraucht wird denn je. Das Problem der fehlenden Repräsentation ist ohnehin bereits virulent, wie eine ARD-Umfrage aus dem Jahr 2025 zeigt.
Die wachsende Lücke in der Repräsentation
Nur 42 Prozent der Befragten in Ostdeutschland und 44 Prozent in Westdeutschland stimmten der Aussage zu, dass die ARD Menschen wie ihnen eine Stimme gibt. Wenn nun eines der wenigen Programme verschwindet, das migrantische und internationale Perspektiven gezielt sichtbar macht, wächst genau jene Repräsentationslücke, die die ARD eigentlich schließen müsste. Der öffentlich-rechtliche Auftrag zur Inklusion wird durch diesen Spardruck faktisch ausgehöhlt.