Berlin verkaufte 574 Tatra-Bahnen: Hätten sie beim Eisregen-Chaos geholfen?
Nach dem verheerenden Eisregen Ende Januar, der den Berliner Straßenbahnverkehr lahmlegte, stellt sich eine brisante Frage: Hätten die 574 verkauften und verschenkten Tatra-Straßenbahnen die Krise abmildern können?
Der fraktionslose Abgeordnete Alexander King (BSW) konfrontierte den Senat mit dieser Problematik. Seine schriftliche Anfrage offenbart ein systematisches Problem der städtischen Krisenvorsoge: Während Berlin seine robuste Infrastruktur ins Ausland abgibt, steht die Stadt bei Extremwetterlagen hilflos da.
574 Tatra-Bahnen ins Ausland verkauft
Die Zahlen sind eindeutig: Seit 1977 setzte die BVG 574 Tatra-Straßenbahnen ein. Diese robusten Fahrzeuge gingen nach Stettin, Almaty, Oradea, Norrköping, Alexandria, Magdeburg und in die Ukraine. Allein nach Lwiw spendete Berlin zwölf Bahnen, weitere 30 wurden 2018 für je 18.000 Euro verkauft.
Besonders brisant: 2023 verkaufte die BVG eine Tatra-Bahn für lächerliche 1.500 Euro an die Bundeswehr. Für 2026 ist der Verkauf von drei weiteren Bahnen nach Brasilien geplant, je 12.000 Euro.
Senat bestreitet Nutzen der alten Bahnen
Der Senat weist Kings Kritik zurück. Die BVG argumentiert, auch Tatra-Fahrzeuge hätten bei den vereisten Oberleitungen versagt. Die Steuerung reagiere "ähnlich empfindlich" wie moderne Niederflurfahrzeuge. Der isolierende Eiswiderstand hätte jede Weiterfahrt verhindert.
Diese Begründung wirkt jedoch fragwürdig: In Stettin, wo Tatra-Bahnen noch aktiv fahren, war der Straßenbahnverkehr ebenfalls tagelang eingestellt. Dies stützt zwar die Senatsposition, zeigt aber auch die Verwundbarkeit aller Systeme bei Extremwetter.
Parallele zu fehlenden Notstromaggregaten
King zieht eine beunruhigende Parallele zum Stromausfall Anfang Januar: Während Berlin ohne Notstromaggregate dastand, hatte das THW seit 2022 mindestens 1.700 Generatoren in die Ukraine geliefert. Stromnetz Berlin spendete zusätzlich 71 Transformatoren.
"Mir ist wichtig, dass endlich für alle Eventualitäten mitgedacht wird, die in unserer Stadt anfallen können", betont King. Seine Kritik trifft einen neuralgischen Punkt: Während internationale Solidarität richtig ist, darf die eigene Daseinsvorsorge nicht vernachlässigt werden.
Systematisches Versagen der Krisenvorsorge
Die Debatte offenbart ein grundsätzliches Problem: Berlin gibt systematisch Infrastruktur ab, ohne ausreichend Reserven für Krisenzeiten vorzuhalten. Ob bei Stromausfällen oder Eisregen, die Stadt steht wiederholt unvorbereitet da.
Die sozialdemokratische Stadtregierung muss sich fragen lassen, ob ihre Prioritätensetzung stimmt. Internationale Hilfe ist ehrenhaft, doch die Bürgerinnen und Bürger haben Anspruch auf funktionierende öffentliche Infrastruktur, auch in Extremsituationen.
Kings Intervention zeigt: Es braucht eine ehrliche Debatte über Berlins Krisenvorsorge. Die nächste Extremwetterlage kommt bestimmt, und dann sollte die Stadt besser vorbereitet sein als im Januar 2026.