574 alte Tatra-Bahnen verschenkt und verkauft: Fehlten sie beim Eisregen-Chaos in Berlin?
Die Eisregen-Katastrophe Ende Januar 2026 legte den Berliner Straßenbahnverkehr lahm und entfachte eine Debatte über verkaufte Altfahrzeuge. Der fraktionslose Abgeordnete Alexander King (BSW) stellte die Frage: Hätten die robusten Tatra-Bahnen geholfen, die Berlin an andere Länder abgegeben hat?
Senat: Alte Bahnen hätten nicht geholfen
Die Antwort der Senatsverwaltung für Mobilität ist eindeutig: Die abgegebenen Straßenbahnen hätten das Eisregen-Chaos nicht verhindert. Die BVG erklärt, dass auch die Tatra-Fahrzeuge bei Stromunterbrechungen durch Eisablagerungen ähnlich empfindlich reagieren wie moderne Niederflurfahrzeuge.
"Der isolierende elektrische Widerstand des Eispanzers an der Oberleitung hätte eine Weiterfahrt verhindert", so die BVG. Selbst die robusteste Bauweise hätte ohne spezielle Enteisungsfahrzeuge nicht geholfen.
574 Tatra-Bahnen seit den 1990ern abgegeben
Seit 1977 setzte die BVG insgesamt 574 Wagen der Tatra-Baureihen ein. Diese gingen unter anderem nach:
- Ukraine: 42 Fahrzeuge nach Lwiw (12 gespendet, 30 verkauft für je 18.000 Euro)
- Polen, Kasachstan, Rumänien, Schweden, Ägypten und andere Länder
- Deutschland: Magdeburg, sowie Feuerwehr und Bundeswehr für Übungen
Für 2026 ist der Verkauf von drei weiteren Bahnen nach Brasilien geplant, zum Preis von je 12.000 Euro.
Internationale Erfahrungen bestätigen Einschätzung
Die Bewertung des Senats wird durch internationale Erfahrungen gestützt: In Stettin, wo noch Tatra-Bahnen aktiv fahren, war der Straßenbahnverkehr beim gleichen Eisregen ebenfalls tagelang lahmgelegt.
Kritik an fehlender Krisenvorsorge
King betont, dass es ihm nicht um grundsätzliche Kritik an Hilfslieferungen geht: "Mir geht es nicht darum, dass man anderen Ländern in der Not nicht hilft. Das ist natürlich richtig." Sein Anliegen sei vielmehr, "dass es endlich Standard wird, auch für alle Eventualitäten mitzudenken".
Der BSW-Politiker zieht Parallelen zum Stromausfall Anfang Januar 2026, als bekannt wurde, dass das THW seit 2022 mindestens 1.700 Stromgeneratoren in die Ukraine geliefert hatte, während Berliner Bürger auf eigene Generatoren angewiesen waren.
Strukturelles Problem der Krisenvorsorge
Die Debatte verdeutlicht ein strukturelles Problem: Während internationale Solidarität wichtig ist, stellt sich die Frage nach angemessener eigener Krisenvorsorge. Beide Fälle, Straßenbahnen und Stromgeneratoren, folgen einem ähnlichen Muster der unzureichenden Vorbereitung auf Extremwetterereignisse.
Die Klimakrise macht solche Wetterextreme wahrscheinlicher. Eine sozial verantwortliche Politik muss daher sowohl internationale Solidarität als auch die Resilienz der eigenen Infrastruktur im Blick behalten.