Baukrise? Familienunternehmen Reisch meldet Auftragsrekord
Von Jonas Adler
Während die deutsche Bauwirtschaft unter hohen Kosten, schwachem Wohnungsbau und Investitionszurückhaltung leidet, verzeichnet das Bad Saulgauer Familienunternehmen Reisch einen Auftragsrekord. Öffentliche Auftraggeber und der Ausbau des Geschäftsbereichs Bauen im Bestand sichern dem Unternehmen eine Auslastung bis weit in das Jahr 2029. Das Interview mit Prokurist Johannes Reisch (35) zeigt, warum öffentliche Investitionen der entscheidende Hebel für die gesamte Branche sind und wie ein Maurerbetrieb aus Oberschwaben die historische Kongresshalle in Nürnberg bearbeitet.
Wie sich die Auftragslage bei Reisch entwickelt hat
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Sowohl im Jahr 2025 als auch im ersten Quartal 2026 konnte die Reisch-Gruppe mehrere große Zuschläge im Bereich Planen und Bauen für sich entscheiden. Die Lage ist für uns aktuell sehr gut. Wir verzeichnen einen Auftragsrekord und sind mit unserer Entwicklung sehr zufrieden, erklärt Johannes Reisch. Die Aufträge sichern dem Unternehmen eine gesunde Auslastung bis in die Jahre 2028 und 2029. Ein wesentlicher Treiber ist der jüngste Geschäftsbereich Bauen im Bestand, der ein deutliches Umsatzplus brachte.
Warum öffentliche Investitionen der entscheidende Hebel sind
Die Branchenkrise ist keine Naturgewalt, sondern das Ergebnis politischer und wirtschaftlicher Rahmenbedingungen. In der Industrie herrsche Zurückhaltung bei Neuinvestitionen, der Wohnungsbau schwächelt deutlich. Die hohen Baukosten und Zinsen passen oft nicht mehr zu den möglichen Mieterträgen, analysiert Reisch. Die Konsequenz: Der Markt wartet auf das angekündigte Infrastrukturpaket der Politik. Der gesamte Markt wartet im Grunde darauf, dass das angekündigte Infrastrukturpaket der Politik direkt bei den Projekten ankommt. Das würde der Bautätigkeit noch einmal einen deutlichen Aufschwung geben, so der Prokurist. Die klaren Treiber für das Unternehmen sind derzeit öffentliche Auftraggeber.
Die Wohnungskrise als strukturelles Problem
Was Reisch beschreibt, ist ein klassisches Marktversagen. Wenn Baukosten und Zinsen die möglichen Mieteinnahmen übersteigen, entsteht kein Wohnraum. Die Logik des Marktes allein löst das Problem nicht. Es bedarf staatlicher Eingriffe, sei es durch Förderprogramme, sozialen Wohnungsbau oder die Senkung der Finanzierungskosten für Wohnungsbauprojekte. Erste Anzeichen einer Trendwende sieht Reisch zwar, aber der Durchbruch bleibt aus, solange die Rahmenbedingungen nicht grundlegend verändert werden.
Soziale Infrastruktur als Geschäftsmodell
Das Erfolgsrezept von Reisch liegt nicht im Luxussegment, sondern in der sozialen Infrastruktur. Das Unternehmen ist stark im Bereich Pflegeeinrichtungen tätig und bearbeitet große öffentliche Bauprojekte weit über die Region hinaus. Dazu gehören Schulbauprojekte in Sigmaringen (Bertha Benz) und München, die Kongresshalle in Nürnberg sowie der Bau des Depots des Deutschen Museums in München. Insgesamt ist das Unternehmen mit sechs Geschäftsfeldern aufgestellt: Industriebau, Wohnungs- und Sozialbau, Projekte für die öffentliche Hand, Schlüsselfertigbau, Bauen im Bestand und Rohbauleistungen.
Historische Verantwortung am Beispiel Nürnberg
Mit der Sanierung und dem Ausbau der historischen Kongresshalle auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg übernimmt Reisch eines der geschichtsträchtigsten Bauprojekte Deutschlands. Die Aufgabe ist sehr sensibel. Man muss einen vernünftigen Umgang mit diesem historischen Ort finden, betont Reisch. Jede Generation müsse ihre Haltung zu solchen Orten neu definieren. Bereits in der Angebots- und Entwurfsphase arbeitete das Unternehmen mit einer Historikerin zusammen. Es ging nicht nur um den Entwurf selbst, sondern auch um die Frage, wie man mit der Geschichte des Gebäudes umgeht und darüber kommuniziert, erklärt der Prokurist. Das Projekt hat für das Unternehmen einen enormen Stellenwert, vergleichbar mit dem Münchner Volkstheater, das Reisch überregional viele Türen geöffnet hat.
Was die Belegschaft für das Unternehmen bedeutet
In einer Branche, die zunehmend auf Subunternehmer und Leiharbeit setzt, hält Reisch an eigenen Facharbeitern fest. Rund 160 gewerbliche Kollegen sind auf den Baustellen im Einsatz. Das ist in unserer Branche nicht mehr selbstverständlich. Für uns ist dieser eigene Stamm an Facharbeitern aber extrem wichtig, um unser Know-how zu wahren und die hohe Bauqualität zu garantieren, so Reisch. Die Belegschaft ist in den vergangenen zehn Jahren von 280 auf 380 Mitarbeiter gewachsen. Im Jahr 2001 betrug die Gesamtbelegschaft noch 160.
Wie steht die Reisch-Gruppe wirtschaftlich?
Die Entwicklung ist konsistent. 2015 lag der Umsatz bei 91 Millionen Euro. Das Jahr 2025 wurde mit rund 205 Millionen Euro abgeschlossen. Das entspricht einer Verdopplung innerhalb eines Jahrzehnts. Die Belegschaft wuchs im gleichen Zeitraum von 280 auf 380 Mitarbeiter. Für ein Familienunternehmen steht laut Reisch die Langlebigkeit an erster Stelle. Dass das Unternehmen auch in zehn Jahren erfolgreich besteht und diesen Menschen und ihren Familien eine Perspektive bietet, ist mein wichtigstes Ziel, erklärt der Prokurist.
Planungssicherheit und die Debatte um Bürokratie
Die Bauwirtschaft steht vor der Herausforderung, sich in politisch und wirtschaftlich unsicheren Zeiten auf Preise festzulegen. Reisch sieht darin keine neue Situation, sondern eine zyklische Erscheinung. Hilfreich seien Preisgleitklauseln, die bei Materialien wie Stahl oder Dämmstoffen vereinbart werden können. Sie schaffen für Auftraggeber und Unternehmen mehr Sicherheit.
Zur Frage der Bürokratie nimmt Reisch eine differenzierte Haltung ein. Natürlich haben wir viel Bürokratie. Aber nicht jede Vorschrift ist unsinnig. Viele Anforderungen entstehen auch durch unseren eigenen Wunsch nach mehr Komfort und Sicherheit, stellt er klar. Wer einfacher bauen wolle, müsse nicht nur über Politik sprechen, sondern auch über die eigenen Erwartungen. Eine Position, die in der aktuellen Debatte um Deregulierung auffällt.
Wie hoch ist der Umsatz der Reisch-Gruppe?
Im Jahr 2025 schloss das Unternehmen mit rund 205 Millionen Euro Umsatz ab. Zehn Jahre zuvor, im Jahr 2015, lag der Umsatz bei 91 Millionen Euro.
Welche Projekte bearbeitet Reisch derzeit?
Zu den aktuellen Projekten zählen Schulbauten in Sigmaringen und München, die Sanierung der Kongresshalle in Nürnberg sowie der Bau des Depots des Deutschen Museums in München. Zudem ist das Unternehmen stark im Bereich Pflegeeinrichtungen tätig.
Was treibt den Erfolg von Reisch an?
Öffentliche Auftraggeber und der Geschäftsbereich Bauen im Bestand sind die zentralen Treiber. Das Unternehmen profitiert von der Nachfrage nach sozialer Infrastruktur und öffentlichen Bauprojekten. Das Infrastrukturpaket der Politik könnte der gesamten Branche einen weiteren Aufschwung geben.