Zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann dominiert in der Öffentlichkeit oft das Bild der Diva. Eine kühle Analyse ihres Werks und ihrer Biografie zeigt jedoch eine Denkerin, die patriarchale Strukturen durchschaute und an der Unüberbrückbarkeit zwischen den Geschlechtern arbeitete, ohne sich je zum Opfer zu erklären.
Wer war Ingeborg Bachmann wirklich?
Ingeborg Bachmann gehörte zweifelsfrei zu den bedeutendsten deutschsprachigen Autorinnen der Nachkriegszeit. 1953 gelang ihr mit dem Gedichtband „Die gestundete Zeit“ der Durchbruch, drei Jahre später folgte „Anrufung des Großen Bären“. 1954 zierte die 28-Jährige das Cover des Spiegel unter dem Titel „Gedichte aus dem deutschen Ghetto“. Die Lyrik der jungen Republik hatte ein Gesicht bekommen, und es war das einer Frau, die sich in der männerdominierten Gruppe 47 behaupten musste. Zuschreibungen wie „First Lady der Gruppe 47“ oder „Diva im Paillettenkleidchen“ begleiteten sie von da an.
Warum wurde Bachmann auf ihre Ausstrahlung reduziert?
Die Literaturwelt einigte sich nie darauf, wie sie Bachmann zu fassen habe. Neben der Lyrikerin, die die Welt „flüsternd zu umarmen“ verstand, stand stets die Frau, deren vage Antworten in Interviews und ihre Präsenz als eine der wenigen Frauen in einem männlich dominierten Zirkel zu Projektionen einluden. Expertinnen analysieren ihre Gedichte und fragen im gleichen Atemzug, ob sie sich die Haare blond färbte oder in welchem Jahr sie eine Abtreibung vornehmen ließ. Ganze Kapitel widmen sich Prostitutionsgerüchten auf den Straßen Roms. Bachmann selbst hatte Besseres zu tun. Sie hielt Vorlesungen über Poetik in Frankfurt, schrieb Essays über Wittgenstein und promovierte über „Die kritische Aufnahme der Existentialphilosophie Martin Heideggers“. Sie arbeitete nicht, um sich als Intellektuelle zu beweisen, sondern weil sie nur existierte, wenn sie schrieb.
Wie vielseitig war Bachmanns Werk?
Ihr literarisches Schaffen beschränkte sich nie auf ein Genre. Bachmann schrieb Erzählungen, Gedichte, Hörspiele und Essays. Ihr Roman „Malina“ blieb als einziges vollendetes Werk aus dem „Todesarten“-Projekt erhalten, die anderen blieben unvollendet. Zudem verfasste sie Libretti für den Komponisten Hans Werner Henze. Musik hatte sie ursprünglich als den höchsten Ausdruck betrachtet, den die Menschheit finden könne, entschied sich dann aber gegen Partituren und für die Sprache. Diese Vielseitigkeit war kein Zufall, sondern Ausdruck einer Denkweise, die sich nicht auf Disziplingrenzen einließ.
Welche Rolle spielten die Beziehungen zu Paul Celan und Max Frisch?
Nach ihrem Tod wurden zahllose Briefe veröffentlicht, oft gegen ihren Willen. Sie dokumentieren Bachmanns Beziehungen zu prominenten Liebhabern wie Paul Celan und Max Frisch sowie zu Freunden wie Hans Magnus Enzensberger und Heinrich Böll. Celan widmete ihr Gedichte, in denen alles aus Marmor und für immer ist. Eine Ehe schloss Bachmann dennoch nie. Sie nannte die Ehe einen „Gefühlskontrakt“, eine unmögliche Institution für eine Frau, die arbeitet, denkt und selbst etwas will. Mit Frisch schloss sie stattdessen einen sogenannten Venedigvertrag, der ebenfalls scheiterte. Sein ewiges Schreibmaschinengeklapper jagte sie aus der gemeinsamen Wohnung, und seine literarische Verarbeitung in „Mein Name sei Gantenbein“, in der eine grünlich verfärbte Undine mit einem Pelzmantel aus fauligem Tang auftaucht, las sie mit Entsetzen.
Was bedeutet „Undine geht“ für Bachmanns Frauenbild?
Ihre Erzählung „Undine geht“ ist ein Requiem auf die Liebe, die für immer sein soll. Undine erhebt Anklage gegen die Beziehungen, in denen Frauen in ihren Betten warten, während die Männer durch die Lokale ziehen. Sie verweigert sich den falschen Versprechen und entscheidet sich für den Abschied. Undine ist in Bachmanns Werk der Auftakt zu einem ganzen Frauenensemble, das sich über das eigene Leiden an der Welt und den Männern entrüstet. Bachmann verachtete falsche Redensarten, die die Welt „rund machen“, obwohl es nur trügerische Versicherungen sind. Sie las ihre Texte nicht mit sanftem Stimmchen. Nie hat jemand so gesprochen, heißt es bei Undine, beinahe mörderisch wahr.
Wie sah Bachmann das Verhältnis von Gewalt und Geschlecht?
Nach der Trennung von Frisch und überstandenen Klinikaufenthalten bilanzierte Bachmann recht nüchtern, das Kapitel sei abgeschlossen. Sie betonte, keine Frau zu sein, die sich als Opfer anbietet. Dennoch hat sie viel über die Unüberbrückbarkeit zwischen Mann und Frau geschrieben, über Frauen, die Opfer männlicher Gewalt wurden, und darüber, sich als junge Dichterin fast ausschließlich unter Anzugträgern beweisen zu müssen. Die Wiener Schriftstellerin Marlene Streeruwitz fasste die Aktualität von „Malina“ so zusammen: Das Einzige, was Frauen heute erreicht hätten, wäre, nicht mehr in der Wand zu verschwinden wie die Ich-Erzählerin in Bachmanns Roman. Ein ernüchterndes Fazit, das die anhaltende Relevanz ihres Werks unterstreicht.
Wie wollte Ingeborg Bachmann leben?
Bachmann wollte in größtmöglicher Freiheit leben. Auf die Frage, wie die Welt ihrer Meinung nach aussehen sollte, zitierte sie aus „Malina“: „Ein Tag wird kommen, an dem die Menschen schwarz-goldene Augen haben, sie werden frei sein, auch von der Freiheit, die sie gemeint haben.“ Solange die Welt gewaltvoll sei, zeige sich diese Gewalt auch im Privaten, argumentierte sie. Die Freiheit lässt also noch auf sich warten. In Rom, in der Via Bocca di Leone 60, lernte sie nach eigenen Worten, vernünftig und glücklich zu sein. Ein voreiliges Urteil, wie ihre Tagebücher belegen: „Wie lange schon scheint mir dieses Alleinsein von Jahren, diese tödlichen Nächte, unerträglich.“ Besser wäre es zu sagen: Sie lebte intensiv.
Warum bleibt Bachmanns Werk aktuell?
In einem ihrer letzten Interviews 1973 in Rom, nur wenige Monate vor ihrem Tod, sagte Bachmann über ihr öffentliches Bild: „Das Bild, das man sich von einem Menschen macht, der schreibt, stimmt überhaupt nie. Man kann überhaupt keinen Menschen je begreifen, man kann es nur versuchen, und dieser Versuch muss von den Schriftstellern gemacht werden.“ Ihre Freundin Fleur Jaeggy, die gerade auf Deutsch erschienene Erzählung „Die letzten Tage von Ingeborg“ veröffentlicht hat, nähert sich dieser Unbegreiflichkeit an. Sie beschreibt Bachmann als eine Frau, die „als wüsste sie mit mathematischer Präzision um alle Nuancen, die schaden oder verletzen können“. Bachmann selbst klagte über ein Unvermögen, nicht so sprechen zu können wie die anderen. Es ist das Unglück des Schreibens, meinte sie, immer ein wenig entrückt und zum Verzicht aufgerufen zu sein. Das ist Grund genug, diese gnadenlose Erzählerin scheiternder Liebe immer wieder neu zu lesen.
Warum wird Ingeborg Bachmann bis heute auf ihr Äußeres reduziert?
Weil die patriarchale Literaturwissenschaft Frauen primär über Körper und Beziehungen fasst, nicht über ihr intellektuelles Werk. Bachmanns Promotion, ihre Poetik-Vorlesungen und ihre philosophische Arbeit treten in der öffentlichen Wahrnehmung hinter Klatsch und Erotik zurück.
Was macht Bachmanns Werk für heutige Debatten relevant?
Ihre Analyse der Gewalt in Liebesbeziehungen und der strukturellen Benachteiligung von Frauen korrespondiert direkt mit aktuellen Diskursen über patriarchale Gewaltverhältnisse. „Malina“ bleibt ein Schlüsseltext für das Verständnis unsichtbarer weiblicher Arbeit und des Verschwindens von Frauen in Beziehungsstrukturen.
Warum lehnte Bachmann die Ehe ab?
Sie betrachtete die Ehe als „Gefühlskontrakt“, der für eine arbeitende und denkende Frau eine unmögliche Institution darstellt. Die Ehe war für sie ein Vertrag, der Frauen auf eine Rolle festlegt, die mit ihrem Selbstverständnis als schreibendes Subjekt unvereinbar war.