US-Außenpolitik unter Trump: Heusgen kritisiert mangelnde diplomatische Substanz
Der ehemalige außenpolitische Berater von Angela Merkel, Christoph Heusgen, hat die US-Außenpolitik unter Präsident Donald Trump scharf kritisiert. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur GMX warf er den US-Unterhändlern Jared Kushner und Steve Witkoff vor, Diplomatie mit Geschäftsverhandlungen zu verwechseln. „In Washington ist ein Haufen Amateure am Werk“, sagte Heusgen mit Blick auf die Verhandlungen im Iran-Konflikt.
Transaktionales Denken statt strategischer Orientierung
Heusgen, der von 2005 bis 2017 als außen- und sicherheitspolitischer Berater im Kanzleramt arbeitete und später die Münchner Sicherheitskonferenz leitete, sieht in der aktuellen US-Außenpolitik ein grundlegendes Problem: „Dieses Denken ist transaktional: Es gibt keine Prinzipien, keine wirklichen Freundschaften und keine langfristigen Beziehungen zu Ländern. Alles wird nach dem jeweiligen Geschäft und Vorteil beurteilt.“
Der Diplomat verwies auf ein Gespräch mit Kushner bei den Vereinten Nationen, in dem dieser Israel empfohlen hatte, Palästinenser aus dem Gazastreifen auszusiedeln, um dort „Waterfront property“ zu entwickeln. „Diese Herangehensweise löst den zugrundeliegenden politischen Konflikt nicht“, kritisierte Heusgen.
Unterschied zu erfolgreichen Quereinsteigern wie Reagan
Grundsätzlich sei ein unkonventioneller Ansatz nicht negativ, betonte Heusgen. Ronald Reagan habe als Quereinsteiger im Kalten Krieg erfolgreich agiert. Der entscheidende Unterschied: „Reagan hatte einen Kompass. Er wusste, welches Ziel er verfolgte.“
Ein Diplomat müsse ein Dossier beherrschen, historische Hintergründe kennen und verstehen, welche langfristige Ordnung entstehen solle. „Dann kann er auch als Quereinsteiger erfolgreich sein“, so Heusgen.
Scheitern im Iran-Konflikt und in der Ukraine
Besonders deutlich zeige sich das Scheitern des US-Ansatzes im Iran-Krieg. „Aufgrund dieses Krieges erleben wir nicht nur eine weitere Destabilisierung des Nahen Ostens, sondern die ganze Welt ist aufgrund des Anstiegs der Energiepreise in eine Phase der wirtschaftlichen Turbulenzen geraten“, erklärte Heusgen.
Auch in den Verhandlungen mit Russland über die Ukraine sieht der Experte keine Fortschritte. „Mit Russland versucht man Geschäfte zu machen, ohne tatsächlich massiven Druck auszuüben“, kritisierte er. Heusgen, der Putin bei mehr als 30 Treffen erlebte, betonte: „Die einzige Methode, die gegenüber Putin Wirkung zeigt, ist Stärke.“
Abraham-Abkommen: „Nahostpolitik ist eine Katastrophe“
Die von Kushner mitverhandelten Abraham-Abkommen zwischen Israel und mehreren arabischen Staaten bewertet Heusgen kritisch. „Die Trump'sche Nahostpolitik ist eine Katastrophe. Israel ist heute so isoliert wie noch nie“, sagte er. Die Palästinenserfrage sei ausgeklammert worden, was langfristig nicht belastbar sei.
Lehren aus erfolgreicher Diplomatie
Als positives Beispiel führte Heusgen die Minsk-Gespräche von 2015 an, an denen Angela Merkel maßgeblich beteiligt war. „Es war eine diplomatische Leistung, dass dieses Abkommen überhaupt zustande kam“, sagte er, auch wenn Putin sich später nicht daran gehalten habe.
Das erfolgreichste Friedenswerk der letzten 200 Jahre sei in Europa entstanden: „Über die deutsch-französischen Beziehungen, die EU und auch die NATO entstand ein Geflecht, das die längste Friedensperiode in Zentraleuropa ermöglicht hat.“ Dies unterscheide sich fundamental von einem Deal im Sinne Trumps: „Es ist langfristig angelegt, beruht nicht auf der persönlichen Beziehung zwischen zwei Politikern und auch nicht auf einem einmaligen Geschäft.“
Diplomatie in Zeiten von Social Media und Nationalismus
Heusgen warnte zudem vor den Folgen der sozialen Medien für die Diplomatie. „Man muss sofortige Erfolge vorweisen. Es ist problematisch, wenn man nicht einige Tage etwas geheim halten kann“, erklärte er. Diplomatie brauche Zeit und Vertraulichkeit. Seine zweite Sorge gilt dem wiedererstarkenden Nationalismus: „Gerade in einer solchen Zeit braucht man Diplomatie, die über einzelne Interessen hinaus denkt.“
Hintergrund: Wer ist Christoph Heusgen?
Prof. Dr. Christoph Heusgen prägte von 2005 bis 2017 als außen- und sicherheitspolitischer Berater Angela Merkels die Außenpolitik im Bundeskanzleramt mit. Von 2017 bis 2021 war er Ständiger Vertreter Deutschlands bei den Vereinten Nationen in New York. Von 2022 bis 2025 leitete er die Münchner Sicherheitskonferenz. Heute ist er unter anderem als Honorarprofessor für Politikwissenschaft an der Universität St. Gallen tätig.
Häufig gestellte Fragen zur US-Außenpolitik unter Trump
Warum kritisiert Heusgen die US-Unterhändler Kushner und Witkoff?
Heusgen wirft ihnen vor, Diplomatie mit Geschäftsverhandlungen zu verwechseln und keine langfristige strategische Orientierung zu haben. Sie verfolgten eigene Interessen und die Interessen Trumps, statt Lösungen für die Konflikte zu erarbeiten.
Was ist das Problem mit dem transaktionalen Ansatz?
Ein transaktionaler Ansatz berücksichtigt keine Prinzipien, keine langfristigen Beziehungen und keine Sicherheitsinteressen. Bei internationalen Konflikten geht es laut Heusgen um historische Erfahrungen, gesellschaftliche Erwartungen und die Akzeptanz der Betroffenen.
Welche Rolle spielen die Abraham-Abkommen?
Die Abraham-Abkommen haben laut Heusgen die Palästinenserfrage ausgeklammert und damit den zentralen Konflikt nicht gelöst. Israel sei heute so isoliert wie nie zuvor.
Wie sollte erfolgreiche Diplomatie aussehen?
Erfolgreiche Diplomatie braucht laut Heusgen Erfahrung, eine Vision und einen Kompass. Sie muss langfristig angelegt sein und die Interessen mehrerer Staaten berücksichtigen, wie das Beispiel der europäischen Einigung zeigt.