Tour de France Femmes: Wie ein Mini-Team mit Wohnmobil die Radsport-Elite herausfordert
Die Tour de France Femmes 2026 startet mit einer Überraschung: Das kleinste Team des Feldes, Ma Petite Entreprise, sicherte sich auf der ersten Etappe das Bergtrikot. Während die großen Équipes in Luxuslinern anreisen, reist die französische Mannschaft im Camper. Die Geschichte zeigt, wie prekär die Lage kleiner Teams im Frauenradsport ist und warum sie dennoch unverzichtbar bleiben.
Ein Bergtrikot für den Außenseiter
Océane Mahé, 24 Jahre alt und zweifache französische U23-Meisterin, eroberte auf der ersten Etappe rund um Lausanne das Bergtrikot. Mehr als 100 Kilometer verbrachte sie in der Ausreißergruppe. Für ihr Team Ma Petite Entreprise, das in diesem Jahr erstmals an der Tour teilnimmt, ist dies ein bedeutender Erfolg. „Das ist ein Weg, um auf uns aufmerksam zu machen“, sagte Mahé vor dem Start der zweiten Etappe in Aigle gegenüber niederländischen Kollegen von NOS.
Das Team ist eines von sieben Pro-Teams bei dieser Tour. Diese Kategorie wurde vom Radsportweltverband (UCI), der seinen Sitz in Aigle hat, erst 2025 eingeführt. Sie bildet die zweite Liga hinter den World Teams und vor den Continental Teams. Ma Petite Entreprise erhielt seine Pro-Lizenz erst zu dieser Saison. Den ersten Sieg fuhr das Team im Mai bei der Tour du Haut Limousin Féminin ein – ebenfalls durch Mahé.
Das Crowdfunding-Modell: 560 Geldgeber und ein Urgestein
Statt auf ein oder zwei große Sponsoren zu setzen, finanziert sich Ma Petite Entreprise über eine breite Basis. Laut Webseite gibt es inzwischen über 560 Geldgeber. Seit der Übernahme des Bergtrikots kamen über Nacht 60 neue hinzu. Unterstützt wird das Team von Radsport-Urgestein Vincent Lavenu, der in seiner langen Karriere als Manager jedoch nicht immer frei von Dopingvorwürfen blieb. Mahé selbst macht derzeit ein Praktikum bei einem der Sponsoren. „Ich könnte vom Sport leben, aber nicht alle meine Teamkolleginnen“, räumt sie ein.
VolkerWessels als Talentschmiede: Vom Wohnmobil zum Reisebus
Das niederländische Pro-Team VolkerWessels ist bereits einen Schritt weiter. Es reist in einem komfortablen Reisebus mit Slusheis-Maschine und Energiedrinks. Seit 2014 ist das Team (damals unter dem Namen Parkhotel Valkenburg) im Profiradsport aktiv. Etliche Spitzenfahrerinnen wie Demi Vollering, Lorena Wiebes und Mischa Bredewold schafften hier ihren Durchbruch. Doch junge Talente zu halten, werde immer schwieriger, so Sportdirektor Bart Faes gegenüber der Sportschau. „Die großen Teams locken mit höheren Gehältern. Wir sind eine Talentschmiede, aber wir verlieren unsere besten Leute oft nach ein oder zwei Jahren.“
Warnung vor schnellem Wachstum: Die Existenzangst der kleinen Teams
Das Mindestgehalt bei den Pro-Teams liegt zwischen 22.000 und 36.000 Euro, abhängig davon, ob die Fahrerinnen ihre Sozialabgaben selbst zahlen. Faes begrüßt die Neustrukturierung der Teams, warnt aber vor den Folgen. „Immer mehr kleine Teams, vor allem auf Continental-Level, kämpfen mit dem Überleben. Dabei sind sie essenziell für den Nachwuchs. Kaum eine Fahrerin schafft den Sprung direkt in ein WorldTour-Team.“
Aus einem Tag im Bergtrikot wurden für Mahé zwei. Sie verteidigte ihren knappen Vorsprung um einen Punkt, obwohl die Beine nicht mitmachten. „Morgen ist ein neuer Tag. Es kommt nicht immer auf das Gefährt an“, sagte sie im Ziel in Genf. Ein Satz, der die ganze Diskrepanz zwischen den großen und kleinen Teams der Tour de France Femmes zusammenfasst.