Rachel Cusks neuer Roman: Skandal oder Meisterwerk?
Der neue Roman von Rachel Cusk, „Das Leben der M“, sorgt international für Aufsehen. Die New York Times nannte ihn ein „lost little book“, der Telegraph sprach von einem „literarischen Attentat“. Die amerikanische Kritikerin Parul Sehgal bezeichnete das Werk als „undiszipliniert, unfokussiert und sofort zu vergessen“. Doch was steckt wirklich hinter diesem Roman?
Worum geht es in „Das Leben der M“?
Die britische Autorin Rachel Cusk, oft als „Königin der Autofiktion“ bezeichnet, verarbeitet in ihrem neuen Werk eine Klatschgeschichte. Es geht um eine Schauspielerin namens M, die unverkennbar an Natalie Portman erinnert. Portman, die wie Cusk in Paris lebt, soll mit der Autorin befreundet gewesen sein. Berichten zufolge zerbrach diese Freundschaft an dem Buch. Der Hollywood Reporter spricht vom „Literaturskandal des Jahres“.
Das erzählende Ich schreibt die Autobiografie einer Schauspielerin, die nur M genannt wird. M fordert ausdrücklich, dass viel erfunden werden darf. Die Figur ist offensichtlich an Portman angelehnt, die 2011 für ihre Rolle in „Black Swan“ den Oscar erhielt. Auch ihre Karriere als Kinderstar in „Léon – Der Profi“ und ihre Arbeit als Werbegesicht für Dior werden angedeutet.
Was macht den Roman literarisch interessant?
Abseits der Promi-Geschichte überzeugt der Roman durch seine Erzählweise. Es bleibt unklar, ob eine Frau oder ein Mann spricht. Die erzählende Person wechselt zwischen „Ich“ und „Wir“. Auch der Schauplatz bleibt vage. Im Mittelpunkt steht die Frage: Geht es um den Star oder um das Publikum, also um die Leserschaft selbst?
Cusks Stil, von Eva Bonné ins Deutsche übersetzt, wirkt kalt und intensiv. Die Prosa beschreibt detailliert, was man sieht, riecht und fühlt. Alles wird intellektuell durchdrungen, bleibt aber in präzisen Szenen anschaulich. Die Schauspielerin dient als Spiegel: Die Leserschaft blickt hinein und erkennt sich selbst. M hat den Bezug zur Realität verloren und bewegt sich in ihrer eigenen Fiktion. Das Publikum hat sie dorthin gedrängt, durch Zudringlichkeit und aggressive Projektion.
Ist „Das Leben der M“ wirklich Cusks schwächster Roman?
Der New Yorker behauptet, es sei Cusks schwächstes Werk. Diese Einschätzung teilt die Kritik nicht uneingeschränkt. Im Vergleich zu Cusks „Outline“-Trilogie ist „Das Leben der M“ bemerkenswert zugänglich. Immer wieder finden sich herausragende Sätze: „Wirklich ist nur das Selbst, das in der Dunkelheit atmet und nicht in der Zeit verankert ist.“ Oder: „Wir haben die Welt durch unsere Gefühle selbst ins Leben gerufen. Den Orten waren wir egal.“
Rachel Cusk und die Erfahrung mit Wiedererkennung
Cusk hat bereits Erfahrung mit Menschen, die sich in ihren Büchern wiederfinden. Ihre Reise-Memoiren „The Last Supper“ wurden nach der ersten Auflage eingestampft, weil sich eine Person porträtiert fühlte. Erst nach einer Überarbeitung erschien das Buch erneut. Cusk selbst sagt: „Wir sind wie Inseln in der Finsternis, und unsere Lichter funkeln einander von getrennten Ufern aus zu, über ein schwarzes Meer hinweg.“
„Das Leben der M“ ist ein anspruchsvolles, aber lohnendes Buch. Es bietet keine klassische Handlung, sondern eine tiefgehende Analyse. Die Debatte um den angeblichen Skandal lenkt dabei vom eigentlichen Wert des Romans ab: seiner literarischen Qualität.