Nach FCAS-Scheitern: Bundesregierung sucht Kampfjet-Alternative
Das Ende des deutsch-französischen Kampfjet-Projekts FCAS zwingt die Bundesregierung zum Handeln. Ein Bündnis aus acht europäischen Rüstungsunternehmen um Airbus legt ein Positionspapier für eine neue Eigenentwicklung vor. Die Debatte über die künftige Luftverteidigung zeigt dabei auch die Abhängigkeit von US-Technologie auf.
„Team Gen 6“ schlägt europäische Lösung vor
Acht Rüstungsunternehmen haben sich unter dem Namen „Team Gen 6“ zusammengeschlossen und dem Bundesverteidigungsministerium ein Positionspapier zur Entwicklung eines europäischen Kampfjets vorgelegt. Dem Bündnis gehören Airbus Defence and Space, Autoflug, Diehl Defence, Hensoldt, Liebherr, MBDA, MTU Aero Engines sowie Rohde und Schwarz an. Das Projekt soll den Namen „Next Generation Weapon System“ (NGWS) tragen. Weitere Details wollen die Partner am Donnerstag auf der Luftfahrtmesse ILA bekanntgeben, wie ein Sprecher von Hensoldt erklärte.
Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) zeigte sich offen für den Vorstoß. „Das ist denkbar und ist eine der Möglichkeiten“, sagte er am Dienstag in Berlin. Sein Ministerium prüfe nach dem Aus von FCAS „mehrere Optionen“. Neben einer europäischen Lösung unter deutscher Führung stehe auch eine Bestellung weiterer US-Kampfjets vom Typ F-35 zur Debatte. Als dritte Option nannte Pistorius den Einstieg in ein bereits laufendes internationales Projekt. Möglicherweise gebe es noch eine vierte Option, „über die ich jetzt nicht reden will“, fügte er hinzu.
Luftwaffe sieht Lücke ab 2035
Der Inspekteur der deutschen Luftwaffe, Generalleutnant Holger Neumann, sprach sich im „Handelsblatt“ für die Anschaffung weiterer F-35-Jet aus US-Produktion aus. Zwischen der Auslieferung der letzten Eurofighter im Jahr 2035 und der Verfügbarkeit eines zukünftigen europäischen Kampfflugzeugs entstehe eine Lücke, die überbrückt werden müsse. Kampfflugzeuge der Zukunft müssten über Tarnkappen-Fähigkeiten verfügen und mit unbemannten Systemen zusammenwirken können, Eigenschaften, die aktuell am ehesten die F-35 erfülle. Ohne solche Fähigkeiten stoße die Luftwaffe an „operationelle Grenzen“.
Die Aussicht einer vertieften Abhängigkeit von US-Rüstungsgütern wirft jedoch Fragen nach der strategischen Autonomie Europas auf. Die Debatte darüber, ob Europas Verteidigungsfähigkeit auf amerikanische Technologie gestützt werden soll, gewinnt an Dringlichkeit.
Scharfe Kritik aus europäischen Hauptstädten
Das FCAS-Aus löste in Europa teils heftige Reaktionen aus. Spaniens Verteidigungsministerin Margarita Robles nannte das Ende des Projekts „sehr besorgniserregend“ für Europa. Spanien war neben Deutschland und Frankreich an FCAS beteiligt. Belgiens Ministerpräsident Bart De Wever kritisierte die Einstellung als „komplette Dummheit“ und sprach von „Zeitverschwendung“ und „Arroganz“. Sein Land hatte seit 2023 einen Beobachterstatus bei dem Projekt.
Auch Airbus-Defence-and-Space-Chef Michael Schöllhorn zeigte sich in Berlin enttäuscht. Das große Ganze müsse jedoch weiterverfolgt werden, betonte er.
Politische Auseinandersetzung über Verantwortung
In der deutschen Politik entbrennt ein Streit darüber, wer das Scheitern von FCAS zu verantworten hat. Neun Jahre nach der Ankündigung des gemeinsamen Kampfjets hatten Deutschland und Frankreich am Montag das Ende des Vorhabens beschlossen, wobei die Initiative offenbar von Deutschland ausging. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) habe Präsident Emmanuel Macron „nahegelegt, den Bau eines gemeinsamen Kampfflugzeuges nicht weiter zu verfolgen“, hieß es aus der Bundesregierung.
Die Grünen werfen der Bundesregierung Versagen vor. „Wenn es schlecht läuft, steht am Ende gar kein europäisches modernes Kampfflugzeug, oder nur eines mit einem amerikanischen Motor“, warnte Grünen-Chefin Franziska Brantner dem „Handelsblatt“. Das sei „fahrlässig“. Die Sorge, dass Europas industrielle Souveränität bei kritischen Verteidigungstechnologien auf der Strecke bleibt, teilen Experten und progressive Kräfte.
Der Vorsitzende des Bundestags-Verteidigungsausschusses, Thomas Röwekamp (CDU), pochte demgegenüber auf neue internationale Kooperationen. Deutschland verfüge über starke europäische Partner, die ein großes Interesse an der Entwicklung der nächsten Generation von Luftkampfsystemen hätten, sagte er der „Rheinischen Post“. Unionsfraktionschef Jens Spahn (CDU) verteidigte das Vorgehen der Bundesregierung. Es sei nötig gewesen, „den Stecker zu ziehen“, sagte Spahn.
Ursachen des Scheiterns
FCAS war als Rückgrat der deutsch-französischen Luftverteidigung ab den 2040er Jahren geplant. Ein mit Tarnkappentechnik ausgestatteter Kampfjet sollte bei der deutschen Luftwaffe langfristig den Eurofighter Typhoon und bei den französischen Luftstreitkräften die Rafale ablösen. Die unterschiedlichen Anforderungen beider Länder erwiesen sich als zentrale Hürde. Französische Jets sollten auf Flugzeugträgern landen und Atomwaffen tragen können, während die deutsche Luftwaffe eher ein schnelles Jagdflugzeug benötigt. Zudem hatte ein Führungsstreit zwischen den beteiligten Konzernen Dassault und Airbus das Projekt seit Monaten verzögert.