Winsener Museum stellt NS-Künstler ohne historischen Kontext aus
Das Museum im Marstall in Winsen (Luhe) zeigt in seiner Sonderausstellung "Mit Pinsel, Stein und Stift: Künstler im Raum Winsen" Werke von mindestens vier Künstlern, die während der NS-Zeit das nationalsozialistische System unterstützten. Eine kritische Einordnung dieser problematischen Biografien fehlt jedoch weitgehend.
Fehlende Kontextualisierung trotz bekannter NS-Verstrickungen
Unter den fast 40 ausgestellten Künstlern befinden sich Arthur Illies, Hugo Friedrich Hartmann, Erich Wessel und Georg Sluytermann van Langeweyde, die alle während des Nationalsozialismus dessen Ideologie popularisierten. Die Museumsleitung kennt nach eigenen Angaben diese "mindestens ambivalenten Biografien", verzichtet aber bewusst auf eine historische Einordnung.
"Dieser Kontext hätte das Konzept gesprengt", erklärte die Pressesprecherin des Museums gegenüber der taz. Besucher können den historischen Hintergrund lediglich aus den Entstehungsdaten einzelner Werke erahnen.
Dokumentierte Teilnahme an NS-Kunstpropaganda
Die Verstrickungen der Künstler in das NS-System sind gut dokumentiert: Alle vier waren bei der "Großen Deutschen Kunstausstellung" in München vertreten, die von 1937 bis 1944 die offizielle Kunst des Nationalsozialismus präsentierte. Wessel war Mitglied der Reichskammer der bildenden Künste, Hartmann erhielt 1939 den vom Gauleiter gestifteten "Niederdeutschen Malerpreis".
Besonders problematisch: 1942 beteiligten sich Hartmann und Illies an der von Joseph Goebbels geförderten Gau-Ausstellung "Lüneburger Land - Kriegsaufgaben der bildenden Kunst" in Berlin. Illies, der 1933 der NSDAP beitrat und im "Kampfbund für deutsche Kultur" aktiv war, entwarf sogar Pläne für die Neugestaltung des Lübecker Holstentors mit Hitler-Figuren und Hakenkreuzen.
Kritik von Fachstellen
Die fehlende Kontextualisierung fiel einer Mitarbeiterin der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus auf. In Fachkreisen wird die Debatte über den Übergang von volksnaher zu völkischer Kunst regelmäßig diskutiert. Die zentrale Frage dabei: Kann die Ästhetik von der politischen Vita der Künstler getrennt betrachtet werden?
Nur bei den Werken von Sluytermann van Langeweyde findet sich ein kurzer Hinweis auf den NS-Kontext, da seine Portraits "in dem typischen Stil der Blut- und Boden-Malerei gehalten sind", wie die Pressesprecherin erklärte. Problematisch ist auch, dass Sluytermann noch in den 1970er Jahren trotz seiner NS-Vergangenheit mit der Ehrenbürgerwürde von Bendestorf und dem Kulturpreis des Landkreises Harburg ausgezeichnet wurde.
Museum kündigt Nachbesserung an
Nach der Anfrage der taz hat das Museum Nachforschungen eingeleitet. In einem geplanten Vortrag soll der historische Kontext beleuchtet werden. Zudem überlegt die Museumsleitung, eine "kritische Auseinandersetzung" mit den Künstlern zu präsentieren.
Die Pressesprecherin betonte jedoch erneut, dass der "Tenor der Ausstellung grundsätzlich auf der künstlerischen Ausdrucksweise" gelegen habe. Diese Reduktion aufs Ästhetische bei der Darstellung von NS-Kunst bleibt jedoch fragwürdig und zeigt die Notwendigkeit einer verantwortungsvollen Aufarbeitung der deutschen Kunstgeschichte in öffentlichen Institutionen.