Historisches Gasthaus in Kißlegg: Denkmalschutz-Sanierung eskaliert zu 5,8-Millionen-Euro-Projekt
Die Sanierung des denkmalgeschützten Gasthauses "Löwen" in Kißlegg entwickelt sich zu einem kostspieligen Lehrstück über die Risiken öffentlicher Bauprojekte. Bei einer Sondersitzung des Gemeinderats wurden die dramatisch gestiegenen Kosten von nun 5,8 Millionen Euro diskutiert – 851.000 Euro mehr als noch im Mai 2025 kalkuliert.
Versteckte Schäden treiben Kosten in die Höhe
Architekt Wolff Stottele von Eus Architekten Ravensburg legte detailliert dar, wie sich die Mehrkosten zusammensetzen. Den größten Posten bilden Zimmer- und Holzbauarbeiten mit 320.000 Euro zusätzlichen Kosten. "Die Substanz des alten Gebäudes ist deutlich schlechter als gedacht", erklärte Stottele. Besonders Fachwerk, Decken und Dachstuhl wiesen erhebliche Schäden auf.
Weitere Kostentreiber sind das aufwendige Gerüst mit längerer Standzeit (117.000 Euro mehr), Maurerarbeiten (148.500 Euro) und Fensterbauarbeiten (115.000 Euro). "Manches wurde erst im Lauf der Arbeiten zugänglich und sichtbar", rechtfertigte der Architekt die Nachkalkulationen.
Bürgermeister räumt Planungsfehler ein
Bürgermeister Dieter Krattenmacher zeigte sich selbstkritisch: "Wir sind nicht blauäugig reingegangen, wir haben die besten Fachleute gefragt und die haben mit bestem Wissen untersucht, und trotzdem ist uns die tiefe Problematik des Gebäudes nicht bewusst geworden. Das macht auch mich ratlos."
Bauamtsleiter Manfred Rommel verwies auf ähnliche Probleme bei anderen Denkmalschutzprojekten. In Ravensburg kostet die Sanierung des 600 Jahre alten Kornhauses statt geplanter 12,6 Millionen Euro voraussichtlich mindestens 22 Millionen Euro.
Weitere Kostenrisiken nicht ausgeschlossen
Die Verantwortlichen sehen weitere Risiken: Der Dachstuhl bleibt ein "absolutes Risikogewerk", da das Ausmaß der Schäden noch nicht vollständig erfasst ist. Auch bei Außenputzarbeiten, Innentüren und Bodenbelägen drohen Mehrkosten. Eine "strikte Anweisung zur Kosteneinsparung" soll weitere Eskalationen verhindern.
Finanzierung durch Umschichtung geplant
Um die 851.000 Euro Mehrkosten zu finanzieren, will die Gemeinde das Löwen-Projekt ins Stadtsanierungsprogramm aufnehmen lassen. Falls dies nicht gelingt, sollen für den Kindergarten St. Hedwig vorgesehene Landesmittel umgeschichtet werden. Das Kindergarten-Projekt würde dann aus dem Sondervermögen Infrastruktur des Bundes finanziert, aus dem Kißlegg 5,5 Millionen Euro erhalten hat.
"Die Bundesmittel, die da kommen, retten uns quasi", so Krattenmacher. Die Gemeinde rechnet weiterhin mit einem Eigenanteil von maximal drei Millionen Euro.
Kritik und Zuversicht im Gemeinderat
CDU-Rat Michael Fick äußerte Bedenken: "Ich tue mich schwer damit, immer wieder größere Nachträge durchzuwinken." Gleichzeitig betonte er: "Wir müssen den Löwen fertig machen, so können wir ihn nicht stehen lassen."
SPD-Rat Peter Killat verteidigte das Projekt: "Es wird der Sache nicht gerecht, die denkmalgerechte Sanierung mit dem Bau einer Halle zum Festpreis zu vergleichen. Das Projekt ist sinnvoll und das Geld sinnvoll investiert."
Ein von der FWK-Fraktion geforderter Kostenstopp fand keine Mehrheit. Stattdessen wurde die Drei-Millionen-Euro-Grenze als "erklärtes Ziel" beschlossen.
Zeitplan unter Vorbehalt
Architekt Stottele peilt die Fertigstellung für den 25. September an, schränkt aber ein: "Ich kann Ihnen aber nicht garantieren, dass es dann fertig ist, es kann auch der 25. November werden." Alles hängt vom Fortschritt bei den kritischen Dachstuhlarbeiten ab.
Das Projekt zeigt exemplarisch die Herausforderungen öffentlicher Denkmalschutz-Investitionen und wirft Fragen nach angemessenen Risikoabschätzungen bei kommunalen Bauprojekten auf.