Krieg und Lyrik: Zwei poetische Welten in Moskau
Der Krieg in der Ukraine prägt die russische Literaturszene tief. In Moskau stehen sich zwei poetische Lager unversöhnlich gegenüber: eine kritische Underground-Szene und staatstragende Patrioten. Der 39-jährige Dichter Dschamil Nilow trägt in einer schummrigen Kellerbar reimlose, kriegskritische Verse vor. Sein Publikum ist begeistert, doch die Gefahr ist real.
Dschamil Nilow: Poesie als Widerstand gegen den Krieg
Nilow, der unter einem Künstlernamen auftritt, schreibt seit 2022 vor allem Lyrik gegen den russischen Angriffskrieg. „Ich kann nicht schweigen. Würde ich schweigen, würde ich wohl den Verstand verlieren“, sagt er. Seine Gedichte veröffentlicht er nicht alle. Viele trägt er nur in kleinen, vertrauenswürdigen Runden vor, in halbversteckten Bars. Nach einer Lesung sprach ihn eine junge Frau an, die in Tränen aufgelöst war. „Ihre Familie und ihr ganzes Umfeld unterstützten den Krieg. Sie sei dagegen, aber habe Angst, es zu sagen. Sie fühlte sich, als sei sie die einzige im ganzen Land“, berichtet Nilow.
Alexander Antipow: „Bürgerlyrik“ statt Z-Poesie
Eine größere Bühne hat in Russland der Dichter Alexander Antipow. Sein Sammelband mit sogenannter Z-Lyrik wird auf staatlichen Kanälen beworben und liegt prominent in Buchläden aus. Die Gedichte verherrlichen russische Kämpfer und liefern emotionale Rechtfertigungen für den Krieg. Antipow selbst sieht sich nicht als „Z-Lyriker“, sondern spricht von „Bürgerlyrik“. Für ihn ist die „Spezialoperation“ eine bedauerliche Notwendigkeit, an der Russland keine Schuld trage. „Für mich war die Ukraine nie ein anderes Land“, sagt er. „Wir sind eine Familie.“ Er verwendet dabei den Begriff „Kleinrussland“ aus der Zarenzeit.
Propaganda als nationale Identität
Auf den Vorwurf der Propaganda reagiert Antipow gelassen. „Auch Puschkin ist Propaganda der russischen Sprache“, sagt er. „Das russische Ballett ist Propaganda für die russische Kunst.“ In seinem Weltbild sind Staat und Kultur untrennbar. Der Kreml fördert dieses Verständnis seit Langem. Z-Poesie dürfte in Russland bestehen bleiben, solange der Krieg andauert.
Zwei Gedichte, zwei Realitäten
Die Gedichte der beiden Autoren zeigen die Kluft. Nilow beschreibt einen Kollegen, der beim Mittagessen Fußball schaut und Tore bejubelt, bis klar wird: Der Ball ist der Kopf seines Sohnes. Antipow hingegen stellt russische Soldaten in seinem Gedicht „Bogatyre“ als Helden der Sagenwelt dar, die in den Himmel gelangen. Die „Bogatyre“ sind mittelalterliche Heldengestalten, vergleichbar mit Rittern in europäischen Epen.
Die russische Lyrik spiegelt die gesellschaftliche Spaltung wider. Während die einen im Verborgenen ihre Stimme erheben, feiern die anderen den Krieg. Die offizielle Kulturpolitik unterstützt klar die patriotische Linie. Kritische Stimmen wie Nilow bleiben in der Nische, doch sie existieren. Ihre Worte finden ein Publikum, das sich nicht allein fühlen will.