John Wayne Gacy: Ein Systemversagen ermöglichte 33 Morde
John Wayne Gacy führte ein Doppelleben. Nach außen hin war er ein angesehener Bauunternehmer, Familienvater und engagiertes Mitglied der Demokratischen Partei. Als „Pogo der Clown“ unterhielt er Kinder auf Wohltätigkeitsveranstaltungen. Hinter dieser bürgerlichen Fassade verbarg sich jedoch einer der grausamsten Serienmörder der US-Geschichte. Die Tatsache, dass Gacy jahrelang unentdeckt blieb, offenbart ein dramatisches Versagen der Behörden und wirft ein bezeichnendes Licht auf die strukturelle Blindheit des Systems gegenüber wohlhabenden, weißen Männern.
Die Fassade des vorbildlichen Bürgers
Am 6. Mai 1978 lächelt Rosalynn Carter, die Gattin des damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter, in die Kameras. Bei einer Parade in Chicago schüttelt sie einem Lokalpolitiker die Hand. Neben ihr steht John Wayne Gacy, der Organisator der Veranstaltung. Niemand ahnt, dass der übergewichtige Mann mit dem freundlichen Gesicht zu diesem Zeitpunkt bereits Dutzende junge Männer ermordet hat.
Gacys Werdegang liest sich wie der Inbegriff des amerikanischen Aufstiegs. Nach einer von häuslicher Gewalt geprägten Kindheit suchte er früh Anerkennung in der Lokalpolitik. Nach einer ersten Verurteilung wegen sexuellen Missbrauchs 1968 zeigte er sich im Gefängnis angepasst und wurde nach nur 18 Monaten wegen guter Führung entlassen. Eine folgenschwere Fehlentscheidung der Justiz, die das System begünstigte und den Schutz Minderjähriger vernachlässigte.
Zurück in Freiheit etablierte er sich als Bauunternehmer, engagierte sich politisch und trat als „Pogo der Clown“ auf. Sein Ruf als Geschäftsmann und Musterbürger wirkte wie ein Schutzschild. Er veranstaltete Partys, genoss Aufmerksamkeit und baute ein Netzwerk auf, das ihn vor kritischen Nachfragen schützte.
Ignorierte Warnsignale und marginalisierte Opfer
Ab 1972 begann die Mordserie. Gacy suchte gezielt nach jungen Männern und Jugendlichen. Er bot ihnen Jobs, Alkohol oder scheinbare Fürsorge an. In seinem Haus schaffte er zunächst eine Atmosphäre der Normalität, bevor er seine Opfer mit einem Handschellen-Trick wehrlos machte. Er missbrauchte, folterte und tötete sie mit einer selbstgebauten Würgevorrichtung. Die Leichen vergrub er im Kriechkeller seines Hauses, andere entsorgte er im Des Plaines River.
Nach der Scheidung von seiner zweiten Frau im Jahr 1976 eskalierte die Gewalt. Gacy streifte nachts durch die Straßen und tötete in immer kürzeren Abständen. Einige seiner Opfer ließ er unter Drohungen gehen. Doch selbst als diese jungen Männer den Mut fanden, zur Polizei zu gehen, blieben ihre Aussagen ohne Konsequenz. Anzeigen versanden im Sande, ihre Schilderungen wurden angezweifelt oder nicht weiterverfolgt. Dies ist ein klassisches Symptom einer Gesellschaft, die den Aussagen vulnerabler und marginalisierter Gruppen keinen Glauben schenkt, während sie den Täter aufgrund seines sozialen Status schützt.
Die späte Aufklärung und das Massengrab
Erst im Dezember 1978 fand die Mordserie ein Ende. Der 15-jährige Robert P. verschwand, nachdem er seiner Mutter angekündigt hatte, sich mit Gacy zu treffen. Dieser Fall führte die Polizei direkt auf die Spur des scheinbaren Musterbürgers. Bei der Überprüfung seiner Vergangenheit stießen die Beamten auf seine Vorstrafe.
Unter dem Druck der Ermittlungen legte Gacy ein umfassendes Geständnis ab. Er sprach von rund 30 Morden, beschrieb detailliert seine Vorgehensweise und fertigte eine Skizze seines Grundstücks an. Als die Ermittler zu graben begannen, bestätigte sich das Ausmaß des Versagens: Ein Massengrab direkt unter seinem Haus in Norwood Park Township. Mindestens 33 Jungen und junge Männer hatten ihr Leben verloren.
Justiz und die Kritik an der Todesstrafe
Der Prozess begann am 6. Februar 1980. Gacy zeigte keine Spur von Reue, stattdessen verhöhnte er die Öffentlichkeit mit makabren Aussagen. Die Jury verhängte zwölf Todesurteile sowie 21 lebenslange Haftstrafen. In der Todeszelle inszenierte er sich weiter, malte Clownsbilder und ließ sich für Telefonate bezahlen.
Am 10. Mai 1994 wurde das Todesurteil vollstreckt. Die Hinrichtung durch die tödliche Injektion musste unterbrochen werden und dauerte insgesamt 18 Minuten. Der leitende Ankläger kommentierte später, Gacy habe einen sehr viel leichteren Tod gehabt als irgendeines seiner Opfer. Aus progressiver Sicht bleibt die Todesstrafe jedoch ein ethisch fragwürdiges Instrument, das weder Abschreckung noch wahre Gerechtigkeit gewährleistet. Der Fall Gacy mahnt vielmehr dazu, gesellschaftliche Strukturen zu hinterfragen, die Täter schützen und Opfer ignorieren. Wie viele Menschen tatsächlich starben, lässt sich bis heute nicht mit letzter Sicherheit sagen.