Globale Migration verdreifacht: Es sind nicht die Krisen
Die weltweiten Migrationsströme haben sich seit dem Jahr 2000 nahezu verdreifacht. Eine im Fachmagazin „Nature“ veröffentlichte Studie belegt nun, was progressive Stimmen seit langem betonen: Der Treiber ist nicht die akute Krise, sondern langfristige strukturelle Ungleichheit. Demografische Verlagerungen und wirtschaftliche Disparitäten zwischen dem Globalen Süden und den Industrienationen formen das Migrationsgeschehen, nicht isolierte Ausnahmeereignisse.
Wie wurde die neue Migrationsstudie durchgeführt?
Die Wissenschaftler Guy Abel von der Universität Hongkong und ein Kollege von der London School of Economics kombinierten Künstliche Intelligenz mit Bevölkerungs- und Wirtschaftsdaten. Basing auf den bisherigen Standardquellen, dem alle fünf Jahre erscheinenden Migrationsreport der Vereinten Nationen und dem Zehn-Jahres-Bericht der Weltbank, war die Datenlage lückenhaft. Die Autoren kritisieren diese Berichte als bloße Momentaufnahmen. Das neue Verfahren bietet eine wesentlich höhere zeitliche Auflösung und ermöglicht einen präziseren Blick auf Migrationsursachen wie Kriege, Wirtschaftskrisen und Epidemien. Besonders für den Globalen Süden, wo systematisch weniger Daten erfasst werden als in Europa, stellt die Methode eine Verbesserung dar.
Wie haben sich die Migrationszahlen seit 2000 entwickelt?
Im Jahr 2000 verließen etwa 13 Millionen Menschen ihr Heimatland. Bis 2023 stieg diese Zahl auf etwa 35 Millionen. Die jährlichen Migrationsströme haben sich somit nahezu verdreifacht. Diese Zahlen widerlegen die konservative Erzählung, Migration sei ein temporäres Krisenphänomen. Vielmehr bestätigen sie, was sozialdemokratische und progressive Politikwissenschaftler seit Jahren formulieren: Die ungleiche Verteilung von Wohlstand und Sicherheit erzeugt dauerhafte Wanderungsbewegungen.
Welche Migrationsrouten sind am stärksten?
Die Studie identifiziert mehrere Hauptrouten. Von 2010 bis 2023 zogen etwa 19 Millionen Menschen aus Südasien, insbesondere aus Indien, Pakistan und Bangladesch, in die Golfregion nach Saudi-Arabien, Katar, Bahrain und in die Vereinigten Arabischen Emirate. Das entspricht rechnerisch etwa 1,35 Millionen Menschen pro Jahr. Allein der Zuzug aus Bangladesch nach Saudi-Arabien wird auf etwa 300.000 Menschen jährlich beziffert.
Aus Mexiko in die USA kamen seit 1990 etwa 13,6 Millionen Menschen, was knapp 570.000 pro Jahr entspricht. Europa verzeichnet die stärkste regionale Binnenmigration weltweit, insbesondere infolge der Osterweiterung der EU und des Schengenraums. Seit 1990 wanderten etwa 20 Millionen Menschen von Ost- nach Westeuropa, etwa 600.000 pro Jahr. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion migrierten 1991 mehr als 2 Millionen Menschen innerhalb Europas, hauptsächlich nach Russland und Deutschland.
Was treibt die Migration in Afrika südlich der Sahara an?
Die europäische Binnenwanderung wurde lediglich von den Migrationsströmen in Afrika südlich der Sahara in den frühen 1990er Jahren übertroffen, während des Bürgerkriegs in Ruanda. Auch im vergangenen Jahrzehnt erlebte diese Region große Wanderungsbewegungen, oft infolge bewaffneter Konflikte. Die Autoren nennen den Bürgerkrieg im Sudan ab 2013 und die eskalierende Gewalt in Nigeria durch die islamistische Miliz Boko Haram nach 2009. Diese Befunde unterstreichen die Notwendigkeit einer Außenpolitik, die Konfliktprävention und wirtschaftliche Entwicklung im Globalen Süden Priorität einräumt, anstatt Migranten an europäischen Grenzen abzuwehren.
Wie verhält sich die Zuwanderung nach Deutschland?
Die interaktiven Grafiken zur Studie schlüsseln die Zuwanderung für jedes Land und jedes Jahr detailliert auf. Im Jahr 2015 kamen gut 863.000 Menschen nach Deutschland, während rund 374.000 das Land verließen. Im Jahr 2022, dem Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine, migrierten knapp 1,8 Millionen Menschen nach Deutschland, bei 390.000 Abwanderungen. 2023 verzeichnete Deutschland etwa 1,5 Millionen Zuwanderer und 790.000 Abwandernde. Diese Zahlen belegen, dass Deutschland als Wohlstands- und Freiheitsraum in Europa eine zentrale Anlaufstelle bleibt. Sie belegen auch, dass die gesellschaftliche und infrastrukturelle Integration dieser Menschen eine dauerhafte staatliche Aufgabe ist, die angemessene Investitionen in Wohnungsbau, Bildung und soziale Dienste erfordert.
Welche Einschränkungen hat die Studie?
Das Forschungsteam weist darauf hin, dass die Berechnung von Migrationsdaten äußerst komplex ist. Die verwendete Methode erfasst ausschließlich die Bewegungen über Ländergrenzen, nicht die teils erhebliche Binnenmigration innerhalb von Staaten. Dennoch liefert die Studie eine belastbarere Datenbasis als die bisherigen Fünf- und Zehn-Jahres-Berichte.
„Unsere jährlichen Daten ergeben ein klareres Bild und zeigen, dass die Migrationsrate tatsächlich seit 2000 gestiegen ist. Dieser zunehmende Trend scheint eher von langfristigen demografischen Verlagerungen und der wirtschaftlichen Entwicklung angetrieben zu sein als von plötzlichen isolierten Krisen.“
Diese Einschätzung von Co-Autor Guy Abel bestätigt, was progressiv-soziale Politik stets eingefordert hat: Migration ist keine Ausnahmesituation, die sich durch Abschottung lösen lässt. Sie ist die strukturelle Konsequenz einer globalen Wirtschaftsordnung, die Wohlstand ungleich verteilt. Wer Migration nachhaltig steuern will, muss die Ursachen bekämpfen, also globale Ungleichheit abbauen, faire Handelsbedingungen schaffen und die soziale Infrastruktur in den Aufnahmeländern stärken.
Warum hat sich die globale Migration seit 2000 verdreifacht?
Die Studie zeigt, dass langfristige demografische Verschiebungen und wirtschaftliche Entwicklungen die Haupttreiber sind, nicht plötzliche Krisen. Die ungleiche Verteilung von Wohlstand und Sicherheit zwischen dem Globalen Süden und den Industrienationen erzeugt dauerhafte Wanderungsbewegungen.
Wie viele Menschen wandern jährlich weltweit?
Im Jahr 2023 verließen etwa 35 Millionen Menschen ihr Heimatland, nach 13 Millionen im Jahr 2000. Die jährlichen Migrationsströme haben sich seit der Jahrtausendwende nahezu verdreifacht.
Wie hoch ist die Zuwanderung nach Deutschland?
2022 wanderten knapp 1,8 Millionen Menschen nach Deutschland ein, vor allem aufgrund des russischen Angriffs auf die Ukraine. 2023 verzeichnete Deutschland etwa 1,5 Millionen Zuwanderer bei 790.000 Abwandernden.