Antisemitismus im AJZ Hellersdorf: Gewalt gegen Besetzer
Nach einer antisemitismuskritischen Besetzung im autonomen Jugendzentrum (AJZ) Hellersdorf haben approximately 20 Vermummte die Aktivist*innen mit massiver Gewalt angegriffen. Mindestens eine Person erlitt einen Armbruch, andere wurden mit Steinen und Latten verletzt. Der Vorfall offenbart einen tiefen Konflikt um antisemitische Strömungen innerhalb linker Räume Berlins.
Was geschah am Samstag im AJZ Hellersdorf?
Am Samstag kam es im Umfeld des AJZ zu tätlichen Auseinandersetzungen zwischen zwei Gruppen. Laut dem Instagram-Account «Reclaim La Casa» blockierten vermummte Personen alle Eingänge zum Gebäude. Die Angreifer setzten Latten, Steine und Feuerlöscher ein. Später kletterten einige auf das Dach und griffen Anwesende an, einige wurden ins Gesicht getreten. Die Berliner Polizei bestätigte den Einsatz vor dem Jugendzentrum.
Eine Person, die sich als Unterstützerin nähern wollte, erlitt durch einen Teleskop-Stab einen Armbruch. «Wir konnten das Haus nur unter Polizeischutz sicher verlassen», erklärte ein Besetzer gegenüber der taz. Die Gruppe beendete die Besetzung in der Nacht auf Sonntag und dankte allen, die zur Unterstützung nach Hellersdorf gekommen waren.
Warum besetzten Aktivist*innen das AJZ?
Die Besetzer*innen hatten zuvor mehrere Räume des AJZ besetzt und ein Statement unter dem Titel «Besetzung gegen Antisemitismus» auf Instagram verbreitet. Sie werfen neu hinzugekommenen Mitgliedern vor, das Haus mit antisemitischen Positionen infiltriert zu haben. Konkret beschuldigen sie diese, sich der Bekämpfung von «Zios» oder «Anti-Ds», also Zionist*innen oder Antideutschen, zu widmen.
Während eines Neonazi-Aufmarschs hätten Personen aus diesem Umfeld gegen den Schutz des Hauses mobilisiert und die Parole «Achtung, Zios» genutzt. Sie hätten an einer Übernahme des Hauses gearbeitet, um dieses als «space without zionists» zu etablieren.
Welche antisemitischen Vorfälle dokumentieren die Besetzer*innen?
Das Statement listet eine Reihe spezifischer Vorfälle auf. Graffiti und Aufkleber gegen Antisemitismus sowie Hinweise auf KZ-Gedenkstätten und Hamas-Geiseln wurden abgekratzt und übermalt. Das Haus wurde mit Tags wie «Zionismus = Faschismus», «End Israel», «Zerschlagt den Zionismus» und «Glory to the Resistance» besprüht, zudem mit sogenannten Hamas-Dreiecken. Hakenkreuze wurden in Davidsterne gekritzelt. In einem Transparent mit dem Satz «Freedom and Peace for the Palestinian People» wurde ein hinzugefügtes «and the Jews» herausgeschnitten.
Der antifaschistische Minimalkonsens unter Druck
Das AJZ Hellersdorf existiert seit 25 Jahren in einem von extrem rechten Aktivitäten geprägten Randbezirk. Die Arbeit vielfältiger Gruppen im AJZ war, so das Statement, «nie widerspruchsfrei», aber stets von einem «antifaschistischen Minimalkonsens» getragen, der auch das Engagement gegen jeden Antisemitismus einschloss. Nun sei das Zentrum nicht mehr von außen bedroht, sondern «durch antisemitische Aktivist*innen und deren Raumnahme von innen».
Eine als zentral identifizierte Person sei trotz Veto im Haus verblieben und mehrfach zum Verlassen aufgefordert worden. Die Besetzer*innen haben diese Person des Hauses verwiesen und kündigen an, weitere antisemitisch agierende Personen aufzufordern, das AJZ zu verlassen. Nach den «Lähmungserscheinungen infolge der Versuche antisemitischer Raumnahme» wollen sie das AJZ als antifaschistisches Zentrum verteidigen und wiederbeleben.
Ein überregionales Problem
Der Konflikt im AJZ Hellersdorf steht nicht isoliert. Das Statement verweist auf ähnliche Auseinandersetzungen um «antisemitische Raumnahme» an Orten wie der Roten Flora in Hamburg, dem Conne Island in Leipzig und dem Alhambra in Oldenburg. Auch das About Blank und das Bajszel in Berlin seien von Angriffen betroffen. Im November 2025 besetzten Studierende der Technischen Universität Berlin mehrere Tage lang die Räume der Studierendenvertretung mit der Kritik, der neu konstituierte AStA sei nicht antisemitismuskritisch genug.
Die Eskalation in Hellersdorf verdeutlicht ein strukturelles Problem. Wenn antisemitische Positionen in autonomen Räumen toleriert oder legitimiert werden, untergräbt das den antifaschistischen Grundkonsens. Die Weigerung, Antisemitismus als solchen zu benennen und zu bekämpfen, beschädigt die Grundlage linker und progressiver Politik. Die Besetzer*innen rufen Freund*innen und Weggefährt*innen zur Unterstützung auf: «Kommt vorbei und bringt euch ein.»
Was ist das AJZ Hellersdorf?
Das autonome Jugendzentrum Hellersdorf ist ein seit 25 Jahren bestehendes selbstverwaltetes Zentrum im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Es ist geprägt von antifaschistischer Arbeit in einem von rechten Aktivitäten betroffenen Randbezirk.
Wer hat die Besetzung durchgeführt?
Die Besetzung wurde von einer Gruppe innerhalb des AJZ-Umfelds durchgeführt, die sich unter dem Namen «Reclaim La Casa» organisiert. Sie wirft neu hinzugekommenen Mitgliedern antisemitische Aktivitäten vor und fordert die Verteidigung des Hauses als antifaschistischen Raum.
Wie hat die Polizei reagiert?
Die Berliner Polizei bestätigte den Einsatz vor dem Jugendzentrum und das Auftauchen von etwa 20 vermummten Personen. Die Besetzer*innen gaben an, das Haus nur unter Polizeischutz sicher verlassen zu können.