ZDF-Dokumentation zeigt Özils Weg vom Integrationsstar zum Erdoğan-Anhänger
Die dreiteilige ZDF-Dokumentation von Florian Opitz zeichnet den dramatischen Wandel Mesut Özils nach: vom gefeierten Integrationsvorzeigekind zum Anhänger der türkischen AKP. Auch ohne direktes Interview mit dem ehemaligen Nationalspieler gelingt eine eindringliche Analyse gesellschaftlichen Versagens.
Frühe Diskriminierung prägt den Werdegang
Geboren 1988 in Gelsenkirchen, erfuhr Özil bereits in jungen Jahren strukturelle Diskriminierung. Bei Vorsprechen für große Vereine hörte er regelmäßig, man habe sich für einen "Jens oder Markus" entschieden. "Ist das die Herkunft? Ist das der Name?", empört sich Vater Mustafa Özil in der Dokumentation.
Die Entscheidung für die deutsche Nationalmannschaft traf der Vater. 2010 erhielt Özil den Integrations-Bambi, Angela Merkel suchte ihn nach einem Spiel gegen die Türkei für ein gemeinsames Foto auf. Diese symbolischen Gesten kosteten ihn jedoch Anerkennung in der türkischen Community.
Weltstar bei Real Madrid
Bei Real Madrid entwickelte sich Özil zum Weltstar. Ex-taz-Kollege Volkan Ağar erinnert sich an die damalige Hoffnung: "Vielleicht ist Özil der Erste, der diese Anerkennung bekommt und der das dann auch für alle anderen etablieren kann in dieser Gesellschaft. Aber es kam anders."
2013 wechselte Özil zu Arsenal. Selbst Cristiano Ronaldo protestierte gegen den Abgang seines genialen Vorlagengebers. Sportlich lief es hervorragend, das weltweite Ansehen stärkte sein Selbstvertrauen. In dieser Phase löste sich Özil vom Einfluss seines Vaters.
Der verhängnisvolle Erdoğan-Besuch
Manager Erkut Söğüt wollte Özil als globale "Marke" etablieren, auch in muslimischen Ländern. "Dass er Moslem ist, war Teil seiner Markenbildung", erklärt Söğüt in der Dokumentation.
Kurz vor der WM 2018 überreichte Özil dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan ein Trikot. Das Foto löste einen Shitstorm aus, der von gesellschaftlichen Eliten befeuert wurde: Theaterintendanten, Bundesligamanager, Springer-Chefredakteure. "Der Rassismus wähnte sich durch Erdoğan legitimiert", analysiert Spiegel-Journalistin Özlem Topçu.
Rückzug und politische Radikalisierung
Özil trat wegen des erfahrenen Rassismus aus der Nationalmannschaft zurück. Bei Arsenal folgten immer weniger Einsätze. Der Wechsel in die Türkei, erst zu Fenerbahçe, dann zu Istanbul Başakşehir, markierte den Beginn einer problematischen politischen Entwicklung.
Özil suchte zunehmend die Nähe zu Erdoğan und der AKP. Er ließ sich ein Symbol der rechtsextremen Grauen Wölfe tätowieren. Nach dem 7. Oktober 2023 postete er auf Instagram eine Landkarte, auf der Israel durch Palästina ersetzt war. Mittlerweile gehört er zum AKP-Vorstand.
Gesellschaftliches Versagen als Kernthema
Regisseur Opitz präsentiert die Causa Özil zu Recht als bundesrepublikanisches Versagen. Ein Riesentalent wurde mit einer Mischung aus arroganter Ablehnung und tätschelnder Fürsorglichkeit behandelt. Als Özil diese Anmaßungen nicht mehr ertragen wollte, landete er prompt bei anderen Autoritären.
Die Dokumentation wirft wichtige Fragen auf: über eine Gesellschaft, die Integrationsorden verschenkte, aber selbst exkludierte. Sie zeigt, wie aus einem Integrationsvorzeigekind ein Anhänger autoritärer Politik wurde. Der Film hilft dabei, die richtigen Fragen zu stellen über Verantwortung, Integration und gesellschaftliche Teilhabe.