Nachruf auf Sybille Koch: Eine Lehrerin zwischen Hingabe und innerer Schwere
Sybille Koch war eine außergewöhnliche Pädagogin, die über 30 Jahre lang an der Comenius-Schule am Fehrbelliner Platz unterrichtete. Doch hinter ihrer professionellen Fassade verbarg sich ein jahrzehntelanger Kampf gegen Depressionen, dem sie schließlich unterlag.
Berufung als Lebensanker
Die Schule war für Sybille mehr als nur ein Arbeitsplatz – sie bot ihr Struktur und Sinn. Jeden Morgen schwang sie sich auf ihr Fahrrad und fuhr von ihrer Wohnung in der Gotenstraße auf der Schöneberger Roten Insel zur Schule. Dort unterrichtete sie Deutsch, Mathematik und Gesellschaftswissenschaften mit einer Hingabe, die ihre Kollegen beeindruckte.
Nach ihrem Linguistikstudium, das ihr zu theoretisch erschien, wechselte sie ins Lehramt und bildete sich später zur Sonderpädagogin weiter. Ihre Unterrichtsstunden waren stets sorgfältig vorbereitet, jedes Kind erhielt individuelle Aufmerksamkeit. Selbst schwierige Klassen respektierten sie aufgrund ihres Engagements.
Kampf gegen die innere Dunkelheit
Paradoxerweise bereiteten ihr gerade die schulfreien Zeiten Angst – Feierabende, Wochenenden und Ferien. Dann wartete die "Schwere" auf sie, wie sie ihre Depression nannte. Trotz zahlreicher Therapiestunden, Medikamenten und Klinikaufenthalten fand sie keine dauerhafte Linderung.
Um der Depression zu trotzen, füllte sie ihre Freizeit mit Aktivitäten: Chor, Tischtennis, Museumsbesuche, Konzerte. Sie pflegte dutzende Freundschaften und half anderen, wo sie konnte. Dennoch konnte sie der inneren Dunkelheit nicht entkommen.
Schwierige Kindheit prägt das Leben
Über ihre Kindheit in Gifhorn sprach Sybille selten. Der Vater, ein 55-jähriger Patriarch, soll "gemein und böse" gewesen sein. Sport wurde ihr verboten, Selbstbestimmung unterbunden. "Sonst war alles da, nur nicht die Liebe", beschreibt der Nachruf ihre Familiensituation.
Corona als Wendepunkt
Die Pandemie und die Schulschließungen warfen Sybille aus der Bahn. Nach anderthalb Jahren in der Psychiatrie konnte sie nicht mehr vor einer Klasse stehen. Sie gab daraufhin Einzelunterricht für kranke oder schulverweigernde Schüler – wieder mit vollem Einsatz.
In ihren letzten Gesprächen äußerte sie, dass sie nicht mehr kämpfen wolle. Am Ende war ihr "alles viel zu schwer". Sybille Koch hinterlässt das Bild einer engagierten Pädagogin, die trotz ihres persönlichen Leidens jahrzehntelang für ihre Schüler da war.